Ausflugstipps: Baierbrunn am Isartal

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Von Richard Bartz - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=21890182
Der Georgenstein vom Ostufer, Bild: Richard Bartz via Wikimedia Commons CC BY-SA 3.0

In dieser Serie möchten wir euch wöchentlich besondere Orte vorstellen, an denen ihr die Geologie Deutschlands und des Alpenraums zum Anfassen erleben könnt. Orte, an denen auch Laien viel über die Vergangenheit der jeweiligen Region erfahren können.
Teil 4: Baierbrunn am Isartal.

Der Ausgangspunkt befindet sich in Buchenhain, welches auf der sogenannten “Münchner Schotterebene“, einer hauptsächlich im Quartär entstandenen, trapezförmigen Fläche liegt. Das Quartär selbst begann vor circa 2,588 Millionen Jahren und lässt sich in zwei Abschnitte unterteilen: Das Pleistozän (bis vor 10.700 Jahren) und das bis heute andauernde Holozän. In besagtem Pleistozän geschah es häufig, dass die Gletscher infolge großer Kälteperioden (Zum Beispiel Eiszeiten wie Günz-, Mindel-, Riß- und Würmeiszeit; Alphabetische Ordnung und Benennung nach Flüssen des Voralpenlandes; insgesamt etwa 25 – 27) vorrückten und das umgebende Gelände entsprechend veränderten; die zwischen ihnen liegenden Interglaziale taten ihr Übriges.

Verbunden mit dem Vorrücken der Gletscher in Eiszeiten war natürlich auch eine große Menge an mitgeführtem Schutt, welcher durch Exaration und Detersion zu sog. Geschiebemergeln bzw. –lehmen führte und sich letztlich in des Gletschers stationärer Phase am Ende der Eismassen als Endmoräne ablagerten. Neben diesen verteilten Zopfströme (braided river) den Gesteinsschutt mehr oder minder gleichmäßig in der Umgebung und bildetet so eine Sanderfläche. In den darauffolgenden Warmzeiten hingegen trug ein Fluss – gespeist von den tauenden Gletschern – einen Teil des zuvor abgelagerten Schuttes ab und grub sich ein Bett in den Kies, in dem sich in den kommenden Eiszeiten von Neuem Gletscherschutt ablagerte. Da dies üblicherweise jedoch nur im ehemaligen Bett des Flusses geschehen konnte, lagerten sich die jüngeren Schichten entgegen des stratigraphischen Grundprinzips von Nikolaus Steno („Das Alter einer Sedimentschicht nimmt nach oben hin ab“) nicht obenauf, sondern zuunterst an. Somit ergibt sich folgende Schichtfolge: Niederterrassenschotter (Würm), Hochterrassenschotter (Riß), Jüngere Deckenschotter (Mindel) und Ältere Deckenschotter (Günz).

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Tour (Rundweg beginnt am Tennispark Isartal Baierbrunn und endet etwas weiter südlich): Beim langsamen Abstieg in das Isartal kann man bereits auf den oberen Terrassen erste Konglomerate erkennen, mit ausgefälltem Kalk verfestigter Schotter, der kaum metamorphe Gesteine enthält. Nach dem Abstieg auf die zweite Stufe sieht man eine hohe Wand von verfestigtem Konglomerat, die vor einiger Zeit als Steinbruch genutzt wurde und deshalb heutzutage sehr gut aufgeschlossen daliegt.

Carbonatisches Konglomerat
Carbonatisches Konglomerat

Das hier sichtbare Sediment ist deutlich stärker verfestigt als in den darüber liegenden Schichten und zeigt mehrerlei geologische Phänomene auf. Zum Einen ist das Gestein entlang mehr oder minder gerader, senkrechter Flächen geklüftet, was durch eine Instabilität der unteren Bereiche (gewissermaßen des Fundaments) infolge mineralischer Auswaschung geschah. Durch die fehlende Stabilität drückte nun das Gewicht der auflastenden Schichten einzelne Bereiche der Oberfläche nach außen. Doch existieren nicht nur senkrechte, sondern auch waagrechte Klüfte, ehemalige schwächer verfestigte Rollkieslagen (bedingt durch Überschreitung der Ausfäll-Körnung), die durch ihr Herausrieseln leere Klüfte hinterlassen. Des Weiteren sind Oberfläche und Klüfte von einem Kalksinter überzogen, der durch Ausscheidung des zuvor durch Wasser gelösten Kalkes entstand. Ebenfalls in’s Auge stechen große Zapfen, die sogenannten ‘Geologischen Orgeln‘, die aus dem Jüngeren in den Älteren Deckenschotter ragen. Deren Entstehung vermag die Wissenschaft noch nicht einwandfrei zu erklären. Die Spekulationen reichen von urzeitlichen Pfahlwurzeln bis hin zu einer erhöhten Carbonatlösung im Bereich der heutigen Orgeln. Auch können Sandlinsen gefunden werden, die von einer langsamen Fließgeschwindigkeit zeugen, sodass sich Feinsande absetzen konnten. Anhand von plattigem Geröll kann sogar die Fließrichtung des Flusses der damaligen Zeit ermittelt werden (Imbrikation = Dachziegellagerung). Zwischen Hochterrassenschotter und Jüngerem Deckenschotter und zwischen Jüngerem und Älterem Deckenschotter befindet sich ebenso eine weitere, dünne Schicht: Der Paläoboden, welcher sich in den Interglazialen durch Pflanzenbewuchs und Bodenbildung auf den zuvor abgelagerten Sedimenten bildete und zum Teil auch heute noch zu erkennen ist.

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An der Isar angekommen führt der Weg leicht bergauf Richtung Süden entlang einer großen Flinz-Rutschung aus dem Jahr 1979 in Form einer Rotationsrutschung. Der Böschungswinkel der vergleichsweise jungen Isarterrassen war damals für dieses weiche Sediment zu steil, entwickelte zu hohe Zugkräfte und daher riss sämtliche Bäume auf dem Weg nach unten mit sich. Eine Folge derartiger Rutschungen ist neben dem deutlich sichtbaren Säbelwuchs der Bäume auch der „Georgenstein“ in der Mitte des Flusses. Vereinzelt zeigt sich dort auch unverwitterter Flinz der oberen Süßwassermolasse, der normalerweise eine grün-graue Färbung (Kation: Fe2+) aufweist, während er verwittert einen eher ockerfarbenen Ton annimmt (Umwandlung in Goethit FeOOH, Kation: Fe3+).

Beim Wiederaufstieg in Richtung der Hermann-Roth-Straße zeigt sich ein Schrägschichtungsgefüge, welches in klastischen Sedimenten wie beispielsweise Sandstein auftreten kann. Dieses Gefüge entsteht nicht durch tektonische Prozesse, sondern wird bereits sedimentär so abgelagert, dass Senken langsam ’aufgefüllt‘ werden. Dabei ‘enden‘ die einzelnen, am tiefsten Punkt etwas verdickten Schichten immer im selben Punkt am Rande. Nach mehrmaligem Ablauf dieses Vorgangs ist die Mulde gefüllt und die folgenden Sedimente werden wieder waagrecht aufgeschichtet (Beweis, dass keine Tektonik die Schichten verkrümmt hat). Selten kann es zu einer gegenseitigen Überlagerung der Gefüge kommen, bei dem ein Gebilde zur Hälfte abgetragen wird und sich ein zweites in der entstandenen Senke ausbildet.

Nach Verlassen des Isartals bietet sich ein schöner Blick über die Umgebung mit all ihren Hügeln und Ablagerungen. Entstanden ist das heutige landschaftliche Erscheinungsbild durch folgenden Prozess: Zu Anfang schafften die weit ausgebreiteten Gletscher Geröll heran und türmten es an deren Ende zu Moränen auf. Nach Ende der Eiszeit und vielen vergangenen Regenschauern sind einige Minerale aus dem Gesteinshaufen ausgewaschen, sodass dieser langsam in sich zusammensinken kann. Jener Zustand der Verdichtung ermöglicht es nun Pflanzen, den Schutthaufen zu überwachsen und die Bodenbildung voranzutreiben. Ab diesem Moment, da das Gestein von Boden bedeckt ist, kann kaum mehr Material ausgespült werden, lediglich Carbonat wird weiterhin gelöst und bewirkt ein langsames „Setzen“ des Hügels (Niveauausgleich vor ca. 150.000 Jahren). In der nachfolgenden Würm-Eiszeit, in der die Gletscherzungen bereits drei Kilometer weiter südlich endeten, verteilten Zopfströme den Schutt auf der bereits von Moränen geprägten Landschaft, sodass letztlich einzelne Schotterstränge entstanden. Weiterhin lagerten sich am Fuße des „alten“ Geröllhügels würmeiszeitliche Sedimente an, wodurch die Moräne weiter in der Umgebung zu ‘versinken‘ schien. Während dieser Eiszeit wurde die Oberfläche dieses Hügels von einer geschlossenen Zwergstrauchvegetation bedeckt. Starke Fallwinde am Gletscherrand bliesen einige Feinteile aus den Sedimenten aus, die sich an den wie ein Kamm wirkenden Zwergsträuchern wieder abgelagerten (äolisches Sediment Löss), was eine Ausrundung der Morphologie zur Folge hatte. Nach Ende der letzten großen Eiszeit war das Land jedoch noch immer von Permafrost bedeckt, welcher in den Sommern an den oberen Dezimetern der Oberfläche auftaute und zu rutschen begann (Solifluktion, Sonderfall Gelifluktion). Dieser sehr wirksame Prozess besaß einen enormen Einfluss auf die Abdachung der Hügel und verlieh ihnen ihre heutige Form.

    

Anfahrt:

Von München aus über die B11 Richtung Süden.

   

Copyright Skizzen & Bilder: Christoph Faist


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Christoph Faist

Studiert seit 2015 am gemeinsamen Geozentrum von LMU und TU in München.

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