Erdbebenstatistik: Wie man Wahrheiten verdrehen kann

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Wer die Berichte auf unserer Seite regelmäßig verfolgt, wird schon öfters gesehen haben, dass es gelegentlich Kritik an der Berichterstattung einiger Medien gibt. Der Fokus liegt dabei vor allem auf Fakten, die bewusst falsch dargestellt werden, um einen gewissen „Wow-Effekt“ beim Leser zu verursachen, der über normales Clickbaiting hinaus geht. Dieser wird besonders groß, wenn wichtige Informationen, die die Überschrift relativieren würden, fehlen. So bleibt dann am Ende eine falsche Wahrnehmung, die zu falschen Schlussfolgerungen und damit schlicht zu einer Falschmeldung führt.

Mit einem aktuellen Beispiel möchte ich das neue Jahr beginnen. Unter anderem auch deshalb, weil ich heute morgen zu viel Kaffee getrunken habe.

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Dieses aktuelle Beispiel soll einen Rückblick auf die Erdbeben des letzten Jahres in Japan geben. Die Schlagzeile (auf deutsch übersetzt): „6500 Erdbeben in Japan registriert – Dreimal so viel wie im Vorjahr“.
Als Leser dieser Überschrift fragt man sich sofort: Warum so viele? Was ist passiert? Was bedeutet das? Klick. So hat der Autor einen Leser gewonnen. Noch ’ne legitime Methode, solange die Fragen alle beantwortet werden.
Werden sie leider nicht.

In diesem Text werden einige wichtige Infos zusammengefasst, aber leider nicht alle. Vorhanden die Info, dass die Japanische Meteorologiebehörde (JMA) alle Erdbeben zählt, die eine gewisse Intensität erreicht (Ergänzung von mir: die unter anderem abhängig von Schwinggeschwindigkeit und Bodenbeschleunigung ist). Genannt werden die exakten Zahlen beider Jahre und ein Vergleich mit dem Jahr 2011, als das große Tohoku-Beben (Stichwort: Fukushima. Muss sein für so eine Meldung) das Land erschütterte. Damals waren es natürlich deutlich mehr.

Die gewünschte Erklärung für den Anstieg fällt leider sehr kurz aus. Demnach (hier werden Experten der JMA) hänge (man beachte Konjunktiv) die hohe Zahl dieses Jahr mit dem Kumamoto-Erdbeben im April zusammen.

Was man sich hier wünscht ist eine Erklärung, wie dieser Zusammenhang besteht. Denn so könnte man die Verwendung des Konjunktivs so interpretieren, als wisse man bei der JMA den genauen Grund ist. Dabei sind die Kumamoto-Erdbeben mit ziemlicher Sicherheit einer der Hauptgründe für den Anstieg.

In der Regel treten Erdbeben in Japan an einer der beiden Subduktionszonen vor der Küste des Landes auf. Dabei nimmt die Herdtiefe der Erdbeben mit zunehmender Entfernung von der Küste ab. Heißt im Endeffekt: Beben direkt an der Küste treten in rund 50 Kilometern oder tiefer auf. 50 Kilometer vor der Küste sind es dann nur noch 15 Kilometer Tiefe. Dies führt dazu, dass viele kleine Erdbeben unter Magnitude 3 praktisch nicht wahrgenommen werden können (bzw. den Grenzwert der JMA nicht erreichen). In einem Durchschnittsjahr führt das dann zu einer bestimmten Zahl an spürbaren Erdbeben. Im Jahr 2016 gab es dann die massive Erdbebenserie in Kumamoto, mit einem Hauptbeben der Stärke 7.3. Wie jedes andere Beben dieser Stärke (diese kommen in Japan fast jedes Jahr vor), gab es eine sehr hohe Zahl an Nachbeben. Da das Erdbeben aber nicht an der Subduktionszone, sondern an einer Störung, die genau durch eine Großstadt verläuft, lag, waren Haupt- und viele tausend Nachbeben deutlich näher an der Oberfläche, und damit an den Messgeräten der JMA (und natürlich an den Menschen). Entsprechend erreichten schon kleine Erdbeben, teils deutlich unter M2.0, die Schwelle, um in der japanischen Erdbebenliste aufzutauchen.
Eine ähnliche, aber schwächere Nachbebensequenz folgte dem Tottori-Erdbeben (M6.6) Mitte des Jahres. Das große Erdbeben Ende 2016 vor der Küste Fukushimas (M7.4) führte zu deutlich weniger Nachbeben, die zudem nicht die Schwellwerte erreichten.

Entsprechend lässt sich diese Verdreifachung einfach durch die geologischen Verhältnisse der aufgetretenen Erdbeben und ihren Nachbeben erklären.
An der Zahl der großen, für Japan relevanten Erdbeben, hat sich indes nichts (oder zumindest nicht viel) verändert.
Somit ist diese als Wow-Meldung verkaufte Statistik nichts anderes als die logische Konsequenz aus den gegebenen Bedingungen.

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Jens ist 22, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.