Vulkane unter Rheintal und Eifel werden (noch) nicht aktiver

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Wow, da hab ich wohl schon in der Überschrift ein bisschen Spannung rausgenommen. Tut mir echt leid, nachdem diverse Westdeutsche Medien diese seit gestern Abend so schön aufgebaut haben. Panikmache vom feinsten, könnte man denken. Dabei ist es eine Schlagzeile, die ihre wichtige Intention verfehlt und stattdessen Kritik und Beschimpfungen auf den Plan ruft. Ein Kommentar zur potentiellen Katastrophe, politischen und journalistischen Verfehlungen, aus wissenschaftlicher und journalistischer Sicht!

Vulkanlandschaft der Eifel mit Laacher See (Wikipedia)

Die Eifelvulkane werden mit Sicherheit irgendwann wieder ausbrechen, das steht außer Frage. Unter dem Laacher See gibt es mit Sicherheit eine Magmakammer, auch wenn diese geophysikalisch noch nicht exakt nachgewiesen wurde. Und ja, 2013 wurden Tiefherdbeben registriert, die mit magmatischen Prozessen im oberen Erdmantel in Verbindung gebracht werden. Aber sonst? Ist das wirklich Anfang 2017 eine Meldung wert?

Auf den ersten Blick handelt es sich hier um einen typischen Clickbait-Artikel, der bekanntes wiederholt und einer reißerischen Überschrift verpackt, um das Interesse des Lesers zu wecken. Man kennt es aus Boulevardblättern und aus englischen Medien, die dort inoffizieller Weltmeister sind. Garniert wird dieses Clickbaiting mit Informationen über aktuelle seismische Aktivität, die allerdings auch aus dem Kontext gerissen ist. So ist das erwähnte Erdbeben von St. Goar nicht vulkanischen Ursprungs und hat nichts mit dem Eifel-Vulkan zu tun. Außerdem sind die erwähnten 42 Erdbeben im Neuwieder Becken vergangenes Jahr ohne Referenzwert eine nutzlose Zahl. Aber so viel kann gesagt werden: 42 ist eher weniger als Durchschnitt. Im Endeffekt bleiben dem Text zwei Kernaussagen, die wichtig sind.

Die erste, die als Zitat vom deutschen Vulkanexperten Dr. Ulrich Schreiber von der Universität Duisburg-Essen angegeben wurde. Dieser spricht von einer „Veränderung im Erdmantel, die zur Magmenbildung führen kann“. Leider wird auf diese „Veränderung“ nicht weiter eingegangen, obwohl diese die einzige Grundlage für die Behauptung, die Eifel werde aktiver, bildet.
Wir haben deshalb bei Dr. Schreiber nachgefragt, was es mit der genannten „Veränderung“ auf sich hat und folgende Antwort erhalten:

„Mit der Veränderung sind sehr langandauernde Aufstiege von heißem Mantelmaterial aus dem tieferen Mantel in höhere Positionen gemeint. Sie laufen über Millionen Jahre und sind letztlich Voraussetzungen, dass sich an der Oberfläche größere Vulkanfelder bilden können. Sie werden u.a. für Siebengebirge, Westerwald und Vogelsberg angenommen, die alle mehr als 5 Mio. Jahre aktiv waren und inzwischen abgeklungen sind. Für das Gebiet der Eifel ist solch eine anomal heißere Zone durch geophysikalische Messungen nachgewiesen. […]“

Demnach ist der Aufstieg von Mantelgestein unter der Eifel gemeint, ein Vorgang der in der Eifel-Plume Hypothese bereits vor Jahren angenommen wurde. Dieser Aufstieg erfolgt in geologischen Zeitskalen und diese Veränderung stellt somit keine akute Gefährdung dar. Es handelt sich um einen kontinuierlichen geologischen Prozess, der zur Bildung von vielen Vulkanen abseits der Plattengrenzen geführt hat, da sich dadurch in der unteren Kruste Schmelze bildet.

Entsprechend ist anzunehmen, dass sich fortlaufend Schmelze bildet. In der Eifel so, wie in vielen anderen Vulkangebieten. In welcher Geschwindigkeit dies erfolgt, bleibt offen. Somit gibt es, zumindest in für Menschen greifbaren Zeiträumen, keinen (bekannten) Anstieg der Aktivität.
Somit reine Panikmache?

Nein.

Unter der Eifel schlummert in der Tat ein Vulkan, der jederzeit wieder aktiv werden könnte, was die zweite wichtige Kernaussage ist. In dem Fall wären Millionen Menschen gefährdet. Und genau hier trifft die Realität auf die Intention des Textes. Es handelt sich um ein Vulkangebiet, das wir zwar aus petrologischen und geophysikalischen Untersuchungen kennen. Doch sagt die Haarfarbe eines Menschen nichts über seinen Charakter aus. So wie beim Mensch gibt es auch bei Vulkanen Unterschiede im Eruptionsverhalten.
„Das dumme ist,dass wir keine Erfahrung mit der magmatischen Aktivität der Eifel haben und wenig über die Kopplung von rezenten Spannungen und Magmenaufstieg wissen.“, so Schreiber, „Letztlich kann uns ein Ausbruch auch überraschen, weil wir nur wenige Tage Vorlauf für den Aufstieg der Schmelzen aus dem Mantel haben. Und den Start würden wir vermutlich verpassen.“

Um den Charakter des Vulkans besser zu verstehen, ist es nötig sein Verhalten zu überwachen. Im Falle der Eifel wären dies vor allem Mikrobeben und die Zusammensetzung der vulkanischen Gase. Zur Zeit gibt es in der Eifel in beiden Fällen nur eine rudimentäre Überwachung. Es werden einmal im Jahr Gasproben aus dem Mofetten genommen, um mögliche Veränderungen zu erkennen. Sonstige Gasüberwachungen belaufen sich auf Befragung von Personen in der Nähe der Gasquellen. Das seismische Überwachungsnetz, das nötig ist, um mögliche Magmenbewegungen (vulkanischer Tremor) im Untergrund rechtzeitig zu erkennen, ist ebenfalls nur sehr grob. Im Artikel steht, eine vierte Überwachungsstation ist im Bau. Noch immer eine Zahl, die für ein Vulkanfeld dieser Größe sehr gering ist.
„Erst wenn sich die tremor-artigen Beben punktuell entwickeln wird es kritisch. Und dafür könnte das Seismometer-Netz nicht eng genug sein.“, so Schreiber.

Somit sollte die Aussage „Die Vulkane werden aktiver“ nicht als Warnung gesehen werden, sondern als Hinweis darauf, dass ein Countdown läuft, dessen Ende offen ist. Um in naher oder ferner Zukunft Menschenleben durch Warnungen zu retten, muss früher gehandelt werden, um die nötige Infrastruktur zu schaffen. Dazu fehlt es momentan an finanziellen Mitteln und am politischen Willen. Zudem übertönen die Rufe nach Panikmache in Sozialen Netzwerken zunehmend die berechtigten Forderungen nach besseren Schutzmaßnahmen. Verfehlte Schlagzeilen, Clickbaiting und Fake-News tragen dazu bei.


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Jens ist 22, lebt in Bochum und studiert seit 2013 an der Ruhr-Universität Geowissenschaften. Nach dem Bachelor-Abschluss 2016 folgte das M.Sc. Studium der Geophysik.

3 Kommentare

    1. Nein, der Bericht ist ganz und gar nicht „sehr gut geschrieben“, denn er verbreitet den üblichen Beschwichtigungs-Duktus!

      Fakten:
      Im oder um das Neuwieder Becken könnte jeden Moment und ohne Vorwarnung ein Vulkan ausbrechen.
      Der Laacher See brach vor knapp 13.000 Jahren das letzte Mal aus und ist überfällig (die Ausbrüche davor hatten eine Periodizität von ca. 10.000 Jahren).
      Dass nun verganenes Jahr weniger Erdbeben gemessen wurden, ist irrelevant – diese schwachen Erdbeben deuten auf Magmabewegung hin, nicht auf die Bruchzone im Rheingraben.
      Ein sich seit einigen Jahren andeutender „Polsprung“ (eigentlch eher eine „Wanderung“ der Pole mit am Ende stehender Nord-Süd-Umkehr) korreliert mit verstärkter Bewegung im Erdmantel und vulkanischer Aktivität.

      In Zeiten von BLÖD-„Zeitung“ und ZerrSpiegel bedarf es deutlicher Worte – ein sachlicher, neutraler Bericht wird kaum beachtet!
      Nur wenn viele Menschen zumindest einmal etwas von der Vulkan-Gefahr inmitten Deutschlands (übrigens auch im Vogtland, dort allerdings berechenbarer und in weiterer Zukunft) zumindest gehört haben, wird vielleicht auch die Politik irgendwann aufmerksam!
      Insofern sind genau solche „Clickbait“-Artikel leider offenbar nötig.

      Ich persönlich habe mich intensiv mit dem Thema beschäftigt und werde baldmöglichst von Frankfurt wegziehen.

Kommentare sind geschlossen.