Größter Ichthyosaurus war trächtige Mutter

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Zu den berühmtesten fossilen Meeresreptilien gehört ohne Zweifel die Gattung Ichthyosaurus. Man findet sie in fast jedem populärwissenschaftlichen Buch über das Mesozoikum und das seit rund 200 Jahren. Dennoch gibt es immer noch neues über diese Tiere zu lernen, wie nicht zuletzt taxonomische Überarbeitungen der bekannten Exemplare in den letzten Jahren gezeigt haben. Nun erregt die Beschreibung eines weiteren Ichthyosaurus-Exemplars Aufmerksamkeit – wegen der guten Erhaltung und seiner Größe.

Der Fund. Dean Lomax und Sven Sachs beschreiben in ihrem neuesten Paper ein Ichthyosaurus-Exemplar, welches in den 1990er Jahren in Doniford Bay im englischen Somerset, am südlichen Ufer des Bristolkanals, gefunden wurde. Es fand seinen Weg ins Niedersächsische Landesmuseum in Hannover, wo es heute unter der Inventarnummer NLMH 106234 aufbewahrt wird. Die Schichten, aus denen die Fossilien stammen, werden anhand von Leitfossilien dem oberen Hettangium, einer Stufe des Unteren Jura zugeordnet, womit sie ein Alter von rund 200 Millionen Jahren haben. Es handelt sich bei NLMH 106234 um ein nahezu vollständiges artikuliertes Skelett. Lediglich die Schwanzwirbelsäule stammt von einem anderen Exemplar und wurde nachträglich hinzugefügt, außerdem wurden ein Riss im Schädelbereich, kleinere Wirbelteile und ein Teil einer Vorderflosse mit Plastikrekonstruktionen ergänzt. Alle diese Ergänzungen wurden vom ursprünglichen Finder Peter Langham vorgenommen, ebenso wie einige auf der Gesteinsplatte hinzugefügte Ammoniten. Langhams Motiv war es, das ohnehin schon schöne Stück für eine etwaige Ausstellung noch weiter aufzuhübschen. Für die wissenschaftliche Beschreibung mussten Lomax und Sachs durch genaue Beobachtung und mit Hilfe der Auskünfte Langhams genau zwischen dem tatsächlichen Fossil und den Ergänzungen unterscheiden. Glücklicherweise schmälern die bei der Präparation vorgenommenen Ergänzungen den wissenschaftlichen Wert des tatsächlichen Fossils in diesem Fall in keinster Weise.

Trächtiger Fischsaurier

Das Exemplar NLMH 106234 der Art Ichthyosaurus somersetensis. A: Normalansicht des Fundstücks, wie es sich dem Betrachter heute darstellt. B: Erläuterung wichtiger Details des Fundstücks. Dunkelgrau abgesetzt sind die bei der Präparation ergänzten Teile (Fragezeichen geben diesbezügliche Unsicherheiten an). Der Pfeil weist auf einen langen schräg verlaufenden Bruch hin, der sich durch das Fundstück zieht. Das kleine Sternchen markiert die Position des Embryos. Man beachte den Maßstab zwischen beiden  Teilabbildungen. Quelle: Lomax & Sachs 2017.

Glückwunsch, es ist ein Fischsaurier. Wichtig war die exakte Zuordnung. Detailmerkmale der zu Flossen umgewandelten Gliedmaßen und des Beckens erlaubten hier die sichere Einordnung in die Gattung Ichthyosaurus. Unvollständige Funde dieser Gattung können nicht immer einer der sechs anerkannten Arten zugeordnet werden, doch bei diesem vollständigen Fund war auch dies anhand von Merkmalen des Schädels, des Oberarmknochens und des Beckens möglich: NLMH 106234 gehörte zur Art I. somersetensis, die selbst erst von Lomax mit seiner Kollegin Judy Massare vor kurzem als eigenständige Art beschrieben wurde – im Zuge der taxonomischen Überarbeitung der altbekannten Gattung. Der neubeschriebene Fund erweitert folgerichtig die anatomische Kenntnis der genannten Art. Bemerkenswert ist die Größe des gefundenen Exemplars: Die geschätzte Gesamtlänge betrug rund 3,3 m, womit es sich nicht nur um das größte bekannte Exemplar von Ichthyosaurus somersetensis handelt, sondern auch um das größte bekannte Exemplar der ganzen Gattung Ichthyosaurus.

Und offensichtlich handelte es sich um ein Weibchen: Im Bauchraum finden sich Wirbel, Rippen, Schulterblatt und Flossenreste eines Embryos. Solche Embryonen wurden vereinzelt schon früher von anderen Ichthyosauriern beschrieben, sind aber immer wieder aufschlussreich. Vor allem konnte man solche Funde früher selten unzweifelhaft einer bestimmten Ichthyosaurierart zuordnen, was diesmal erkennbar anders ist. Zwei andere Ichthyosaurier-Skelette mit Embryonen aus der gleichen Fundregion gehörten möglicherweise zur selben Art, I. somersetensis. Da diesen und dem neubeschriebenen Exemplar feine Abweichungen in der Morphologie des Oberarmknochens und des Beckens gemeinsam sind, vermuten die Autoren, dass es sich dabei um geschlechtsspezifische anatomische Details handeln könnte. In diesem Falle also um typische Anzeichen, dass es sich um Weibchen handelte. Sollte sich das bestätigen, könnte man künftig auch ohne den Nachweis von Embryonen Männchen und Weibchen bei Ichthyosauriern unterscheiden.

Artikel

Lomax, D.R. & Sachs, S. (2017), On the largest Ichthyosaurus: A new specimen of Ichthyosaurus somersetensis containing an embryo. Acta Palaeontologica Polonica 62 (X): xxx-xxx.

(Anmerkung: Es handelt sich um die Vorab-Online-Publikation des Journals. Das Paper wird erst zu einem späteren Zeitpunkt in die Kategorie „Current Issue“ aufrücken).

 

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Pia Gaupels

Pia Gaupels, 30, Bibliotheksinformationsstudium an der TH Köln von 2007-2010. Studiert seit 2014 an der Universität Münster Geowissenschaften. Der Schwerpunkt liegt auf Planetare Geologie und Geoinformationswissenschaften. Sie hat die Facebook-Seite GeoHorizon gegründet. Zudem hat sie ausgeprägte Fähigkeiten in der Bild- und Videobearbeitung.