Arminisaurus: Neues aus dem Unterjura von Bielefeld

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In unseren Breiten werden viele wichtige Funde immer wieder beim laufenden Steinbruchbetrieb gemacht. Ein solche Fund aus der Nähe von Bielefeld erwies sich einmal mehr als Glücksfall: Eine neue Art Plesiosaurier, die neue Einblicke in die Diversität der Gruppe im Unterjura gibt. Sven Sachs und Ben Kear veröffentlichten nun ihre ausführliche Beschreibung des Fundes und stellten ihn einer interessierten Öffentlichkeit vor.

Der Fund. Die Geschichte dieses Fundes beginnt bereits in den 1980er Jahren. In einer Tongrube im Norden von Bielefeld entdeckte eine Gruppe Amateur-Fossiliensammler damals die Überreste. Es waren buchstäblich nur die Reste – das einstmals vermutlich fast vollständige Skelett war während der Abbautätigkeit in der Grube (die heute verfüllt ist) schwer beschädigt worden. Die Amateursammler retteten quasi das, was übrig war. Später gelangten die Fossilien in den Besitz von Siegfried Schubert, ein erfahrener und begeisterter Fossiliensammler der Bielefelder Region, der die verbliebenen Knochen vom Gestein befreite und präparierte. 2015 überließ er den Fund schließlich dem Naturkunde-Museum Bielefeld, wo er unter der Inventarnummer NAMU ES/jl 36052 registriert wurde. So fanden die Fossilien ihren Weg schließlich zur Bearbeitung durch Sven Sachs, der auch für das Naturkunde-Museum Bielefeld arbeitet, und dessen im schwedischen Uppsala ansässigen Kollegen Benjamin Kear.

An dieser Stelle sind einige Anmerkungen zu dem Fundstück selber angebracht. Zunächst mal ist anzumerken, dass aufgrund der Beschädigungen vor der Bergung das Skelett des Tieres nur sehr unvollständig erhalten ist. Nun noch zur Bearbeitung vorhanden sind: Ein unvollständiger Unterkiefer und einzelne Zähne bzw. Zahnfragmente, 10 Halswirbel, 8 Wirbel aus dem Schulter-und Rückenbereich, 7 Schwanzwirbel, zahlreiche Rippenreste, Reste des Schultergürtels und der Vorderflossen, eventuell auch Zehenglieder einer Hinterflosse und ein paar nicht näher bestimmte Fragmente. Daraus lässt sich dennoch relativ zuverlässig ein 3 bis 4 m langes Meeresreptil rekonstruieren, welches oberflächlich der klassischen Vorstellung eines Plesiosauriers entsprach – zwei Paar Flossen an einem kräftigen Rumpf, ein kurzer Schwanz und ein länglicher Hals mit kleinerem Kopf. Wie sich zeigte lagen die Besonderheiten nicht im allgemeinen Erscheinungsbild, sondern in einer Reihe anatomischer Details.

Eine neue Art. Eine genauere Untersuchung der Überreste ergab genügend Detailmerkmale, um die Überreste von anderen Plesiosauriern abgrenzen zu können. Es handelte sich damit um eine neue Art, der Sachs und Kear den Namen Arminisaurus schuberti gaben. Der Gattungsname bedeutet so viel wie „Echse des Arminius“ und bezieht sich auf den Cherusker-Häuptling Arminius, der in der Fundregion siegreich die Schlacht im Teutoburger Wald gegen die Römer schlug; der Artname ehrt Siegfried Schubert, der die Knochen des Tieres für die Wissenschaft sicherte.

Arminisaurus

Diese schöne Lebendrekonstruktion von Arminisaurus schuberti fertigte der Paläo-Artist Joschua Knüppe an. Dank geht an Sven Sachs, der die Nutzung des Bildes hier erlaubte. Künstler: Joschua Knüppe.

Die weitere Merkmalsanalyse brachte interessante Verbindungen von Arminisaurus schuberti zutage. Einzelne Details erinnerten stark an die aus der Unterkreide bekannten Leptocleididen, doch anscheinend handelte es sich dabei um reine Homoplasien – also Merkmale, die zwar gleich aussehen, aber unabhängig voneinander erworben wurden. Eine Anzahl Merkmale am Unterkiefer und an den Wirbeln weist Arminisaurus schuberti jedoch ausdrücklich als einen Vertreter einer anderen Plesiosauriergruppe aus, der Pliosauridae.  Diese sind vor allem auch aus dem mittleren und oberen Jura bekannt, vor allem durch größere Formen, die große Köpfe auf kurzen Hälsen trugen. Eine ganze Anzahl Merkmale, vor allem in ihrer einzigartigen Kombination, grenzt Arminisaurus schuberti aber ebenso von diesen abgeleiteten Pliosauriern späterer Zeiten ab wie sein allgemeiner Habitus mit noch deutlich anderen Halsproportionen. Die phylogenetische Analyse ergab denn auch ein Kladogram, in dem Arminisaurus schuberti innerhalb der Pliosauriden sehr basal steht.  Das ist soweit alles schon sehr interessant, gewinnt aber so richtig an Gewicht, wenn man die Datierung der neuen Art mit in Betracht zieht.

Die Datierung und ihre Bedeutung. Die Überreste von Arminisaurus schuberti stammen aus der sogenannten Amaltheenton-Formation, die so benannt wurde nach den Ammoniten der Gattung Amaltheus, mit denen diese Formation noch feiner untergliedert werden kann. Diese Formation lässt sich ins obere Pliensbachium, eine Stufe des Unterjura, datieren. Das Pliensbachium dauerte dem International Chronostratigraphic Chart vom Februar 2017 zufolge von vor 190,8 bis vor 182,7 Millionen Jahren. Die Amaltheenton-Formation lagerte sich kurz vor dem Ende des Pliensbachiums ab, wenn man also hierfür eine Zeit vor 185 bis vor 183 Millionen Jahren annimmt befindet man sich in der richtigen Größenordnung.

Mit dieser Datierung ist Arminisaurus schuberti deutlich älter als die Pliosauriden des mittleren und oberen Jura. Er belegt damit, dass deren Linie bis in den Unterjura zurückreicht und sich die Pliosauriden bereits relativ früh vom restlichen Stammbaum der Plesiosaurier abgespalten haben dürften.  Doch das Alter von Arminisaurus schuberti ist noch aus einem anderen Grund interessant: Aus dem Pliensbachium sind bisher nur wenige Plesiosaurier bekannt. Während sie in den Unterjura-Schichten vor und nach dem Pliensbachium relativ häufig und divers sind, nicht nur in Europa, auch andernorts, sind aus dem Pliensbachium nur zwei Arten beschrieben: Westphaliasaurus simonsensii aus Deutschland und Cryonectes neustriacus aus Frankfreich. Hinzu kommen ein bisher nur in einer PhD-Arbeit beschriebener Fund aus England und fragmentarische Reste aus Europa, Grönland und Australien. Alles in allem nicht sehr viel.  Vor diesem Hintergrund stellt Arminisaurus schuberti eine wichtige Ergänzung dar, um diese Pliensbachium-Lücke („Gap“) zu füllen. Die neue Art zeigt sogar, dass die Diversität der Gruppe zu dieser Zeit weiterhin hoch war.  Sachs und Kear ziehen daher auch den Schluss, dass das „Gap“ weniger eine tatsächliche Verringerung der Diversität der Plesiosaurier zu jener Zeit darstellt, sondern einfach nur einer geringeren Anzahl von Aufschlüssen verbunden mit ungenügender Sammeltätigkeit in diesen Aufschlüssen („Sampling-Bias“) geschuldet ist.

Artikel

Sachs, S. & Kear, B.P. (2017), A rare new Pliensbachian plesiosaurian from the Amaltheenton Formation of Bielefeld in northwestern Germany. Alcheringa  XX: xxx-xxx. ISSN 0311-5518.

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Stefan Reiss