Pflanzenfressende Dinosaurier ergänzten ihren Speiseplan mit Krebstieren

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Direkte Nachweise für das Ernährungsspektrum herbivorer Dinosaurier sind selten. Die anhand der Zahnform aufgestellte Hypothese, dass sich Ornithischier von faserigem Pflanzenmaterial ernährten wird durch einige in den letzten Jahrzehnten gefundene fossile Mageninhalte gestützt, doch die Zahl solcher Funde ist wohl kaum ausreichend, um einen vollständigen Eindruck vom Ernährungsplan dieser Tiere liefern zu können. Neue Funden von Koprolithen (fossilisierten Exkrementen) von Hadrosauriern oder Ceratopsiern aus der Kaiparowits-Formation (74-76 Ma alt, Campanium, Obere Kreide) von Utah enthüllen eine bislang unbekannte Seite im Fressverhalten großer Ornithischier: ähnlich wie manch heutiger Pflanzenfresser, nahmen auch diese Dinosaurier als „Nahrungsergänzungsmittel“ zumindest manchmal tierische Nahrung auf.


Für die neue Studie von Chin und Kollegen wurden hunderte von Koprolithenfragmenten unterschiedlichen Fundstellen und aus mindestens 3 stratigraphischen Niveaus der Formation untersucht. Ihr Urheber ist anhand der vorhandenen Merkmale nicht eindeutig zu bestimmen, aber es handelte sich aufgrund der Größe und Zusammensetzung der Koprolithen um ein großes Tier, welches faseriges Pflanzenmaterial verdauen konnte. Sowohl Ceratopsier als auch Hadrosaurier sind aus der Formation bekannt und kommen damit als Kandidaten infrage.

Die Koprolithen bestehen hauptsächlich aus Holzsplittern und Tracheidenresten, dem zellulosereichen Leitgewebe von Nadelbäumen. Daraus lässt sich schließen, dass die Dinosaurier das zuvor durch Pilzen zersetzte, morsche Holz gefressen hatten. Ähnliches ist bereits aus der vergleichbar alten Two Medicine-Formation von Montana bekannt und dürfte die Tiere mit einer zusätzlichen Dosis verdaulichen Pflanzen- und Pilzmaterials versorgt haben.

Alleinstellungsmerkmal der neuen Funde sind jedoch die zahlreichen bis zu mehrere cm² großen und 0.5-1mm dicken Panzer- und Gliedmaßenreste, welche sich in den Koprolithen von mindestens 10 der 15 Fundstellen finden und häufig bis zu 5% der Koprolithen ausmachen. Diese stammen ihrer Histologie nach zu schließen von großen Krebstieren, die sich vermutlich in dem verrottenden Holz versteckten und dabei gefressen wurden. Neben Krebstieren konnten auch Molluskenschalen nachgewiesen werden, von denen viele jedoch vermutlich erst nach der Ausscheidung in die Exkremente gelangten, einige aber auch gefressen worden sein könnten. Der Verzehr dieser Tiere bedeutete für die Dinosaurier eine zusätzliche Dosis an Eiweiß und Kalzium, die allein aus Pflanzennahrung schwieriger zu beziehen sind.

Vergleich der in Ornithischierkoprolithen gefundenen Kutikelresten mit bekannten Crustaceenschalen. Bild: Chin et al. 2017, CC-BY

Dass die Funde an bis zu 20 km auseinander liegenden Fundstellen und in stratigraphisch unterschiedlichen Lagen gemacht wurden deutet darauf hin, dass es sich nicht um einen Einzelfall, sondern vielmehr ein regelmäßiges, weit verbreitetes Verhalten handelt.

Die Autoren der Studie vermuten, dass es sich bei dem neu nachgewiesenen Fressverhalten um ein saisonales Phänomen handelt, dass mit dem erhöhten Protein- und Kalziumbedarf während der Eiablage zusammenhing.

Auch vornehmlich herbivore Dinosaurier nahmen also zumindest gelegentlich tierische Nahrung zu sich. Während dieses Verhalten unter Pflanzenfressenden Großsäugern eher die Ausnahme darstellt (weniger als die Hälfte der in der Studie herangezogenen Säugetiere fressen auch tierische Nahrung, und davon nimmt die Hälfte nur die Knochen zu sich), ist es aber gerade bei lebenden Dinosauriern, Vögeln, sogar die Regel. Das traditionelle Bild vom ausschließlich pflanzenfressenden Dinosaurier, wie man ihn sich basierend auf rezenten Großtieren gerne vorstellt, könnte also zu vereinfacht sein.

Quelle:
Chin, K., Feldmann, R. M. and Tashman, J. N. 2017. Consumption of crustaceans by megaherbivorous dinosaurs: dietary flexibility and dinosaur life history strategies. Scientific Reports 7 (1): 11163.


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Darius ist 20 Jahre alt und studiert seit 2015 an der Uni Bonn Geowissenschaften mit Schwerpunkt Paläontologie. Seine Hauptinteressen sind Paläobiologie und Paläoökologie der Wirbeltiere sowie allgemeine Zoologie, Anatomie und Biomechanik.