Das „Melksham Monster“ und die Evolution der großen Meereskrokodile

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Während des Mesozoikums haben noch verschiedene Reptilien die Nische der Topräuber in den Meeren eingenommen. Darunter waren auch die Thalattosuchia, Verwandte der heutigen Krokodile. Die neue Beschreibung des sogenannten „Melksham Monsters“ zeigt jetzt, dass sich diese Meereskrokodile früher in dieser Nische etabliert haben als bisher angenommen wurde.

Verschiedene erfolgreiche Meeresreptilien des Mesozoikums wie Plesiosaurier, Mosasaurier und Ichthyosaurier haben es längst in die Populärkultur geschafft und werden auch von den meisten halbwegs interessierten Laien dank Fernsehdokus und Blockbustern schnell wiedererkannt. Ein wenig abseits vom medialen Interesse steht eine andere, auch durchaus erfolgreiche Gruppe: Die Thalattosuchia, auch schlicht „Meereskrokodile“ genannt. Waren diese Verwandten der heutigen Krokodile während des Unterjura noch ähnlich den heutigen Gavialen (siehe z.B. Steneosaurus), hat sich ab dem Mitteljura mit der Familie der Metriorhynchidae eine Gruppe entwickelt, die sich ähnlich den Ichthyosauriern und anderen Meeresreptilien deutlich an eine marine Lebensweise angepasst hat. So wandelten auch die Metriorhynchiden ihre Beine in Paddel um, bildeten eine Schwanzflosse und verloren die für Krokodile ansonsten typischen, panzerartigen Hautknochenplatten.

Innerhalb der Metriorhynchidae haben sich zwei Unterfamilien herausgebildet. Einmal die offensichtlich auf das Jagen von kleineren Fischen spezialisierten Metriorhynchinen und die auf größere Beute ausgerichteten Geosaurinen. Besonders mit dem zu den Geosaurinen gehörendem Tribus (der Rang unterhalb der Unterfamilie) Geosaurini haben die Meereskrokodile mehrere Arten von großwüchsigen Räubern hervorgebracht, die in ihren damaligen Ökosystemen wohl die Nische der Topräuber eingenommen haben.

Verschiedene Vertreter der Geosaurini im Größenvergleich mit einem Menschen. Aus Young et al. (2012) unter CC-BY 2.5

Bis jetzt beschränkte sich der Fossilbericht der Geosaurini vor allem auf den Oberjura und die Unterkreide, unter anderem auch mit nennenswerten Fossilien aus Deutschland. Ein Schädel aus Großbritannien, sowie eine neue Analyse zu den Verwandtschaftsverhältnissen der Geosaurinen, deuten jetzt allerdings daraufhin, dass sich die verschiedenen Zweige der Geosaurini schon um einiges früher entwickelt haben.

Das neue Paper stammt von Davide Foffa und Kollegen von der University of Edinburgh und wurde im Journal of Systematic Palaeontology veröffentlicht. Darin beschreiben sie den Schädel eines bisher als „Melksham Monster“ bekannten Exemplars. Das Fossil stammt aus der Oxford Clay Formation von Wiltshire, aus der bereits eine Vielzahl anderer Meeresreptilien, darunter auch verschiedene Thalattosuchia überliefert sind. Datiert werden die Gesteine auf das Callovium (oberster Mitteljura) und sind demnach ca. 163 Millionen Jahre alt.

Der Schädel des „Melksham Monsters“, der bereits seit 1875 in Besitz des British Museums ist und davor lediglich einmal in der wissenschaftlichen Literatur erwähnt wurde, ist im Laufe der Erdgeschichte zunehmend zerstört worden. Er befindet sich innerhalb einer Kalkkonkretion, einer sogenannten Septarie, wurde abgeflacht und ist von zahlreichen Calcitadern durchzogen. Die Schädelknochen sind teilweise nicht mehr im Verbund, überliefert sind unter anderem der Oberkiefer, das Nasenbein, Teile des Hinterhauptbeins, sowie der linke Unterkieferast und mehrere Zähne.

Schädel von Ieldraan melkshamensis, dem „Melksham Monster“. Mit einigen der charakteristischen Zähne. Von Davide Foffa.

Auch wenn der Schädel verhältnismäßig schlecht erhalten ist, haben Foffa et al. eine Kombination an Merkmalen gefunden, die dafür spricht, dass es sich beim „Melksham Monster“ um eine bis dato unbekannte Gattung handelt. So zeigen die Zähne an der Außenseite eine deutliche Riffelung und das Basioccipitale, ein Knochen des Hinterhauptbeins, weist einige charakteristische Höcker auf. Die Wissenschaftler beschreiben das „Melksham Monster“ deshalb als die neue Art Ieldraan melkshamensis, was so viel wie „der Alte von Melksham“ bedeutet. Der Name bezieht sich hierbei weniger auf das prähistorische Alter des Fossils, sondern vielmehr auf die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Ieldraan und dem Tribus Geosaurini.

Im Großen und Ganzen weisen die Zähne von Ieldraan nämlich große Ähnlichkeiten zu denen der bereits lange bekannten Gattung Geosaurus auf, deren Fossilien vor allem aus dem Oberjura von Deutschland überliefert sind. Auch eine von Foffa et al. durchgeführte phylogenetische Analyse, um die evolutiven Verwandtschaftsverhältnisse der Meereskrokodile zu überprüfen ergab, dass I. melkshamensis der nächste Verwandte der beiden bekannten Geosaurus-Arten war, was demzufolge bedeutet, dass auch Ieldraan zum Tribus der Geosaurini gehört. Zusammen mit Geosaurus bildet Ieldraan nach Ansicht der Wissenschaftler dabei einen eigenen Zweig, den Subtribus Geosaurina. Dieser Zweig der Geosaurini besteht also demnach schon mindestens seit dem obersten Mitteljura und ist nicht erst mit der Gattung Geosaurus im Oberjura entstanden.

Ähnliches konnten die Wissenschaftler auch bei den anderen drei Hauptästen der Geosaurini beobachten, die auch in der obersten Abbildung zu sehen sind. So bildet nach der neuen Analyse die Gattung Suchodus (Callovium, Mitteljura) einen gemeinsamen Subtribus mit Plesiosuchus (Oberjura) namens Plesiosuchia, die Gattung Dakosaurus (Oberjura bis Unterkreide) gehört zusammen mit dem noch unbenannten „Mr Leeds‘ Dakosaurus“ (Callovium) zur Dakosaurina und Torvoneustes (Kimmeridgium, Oberjura) bildet schließlich unter anderem mit Tyrannoneustes (wieder Callovium) den noch unbenannten Zweig „subclade T.“.

Vereinfachtes Kladogramm nach Foffa et al. (2017) zur Verdeutlichung der Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Geosaurini. Grün: Gattung aus dem Callovium, blau: Gattung frühestens seit dem Oberjura bekannt.

Wurde der erste Vertreter der Geosaurini bislang im Kimmeridgium (mittlerer Oberjura) vermutet, zeigt die neue Analyse unter Zuhilfenahme des neuen Ieldraan, dass alle Zweige der Geosaurini mindestens bis ins Callovium, also den Mitteljura zurückreichen. Das wiederum bedeutet, dass die Meereskrokodile etwa 10 Millionen früher als bisher angenommen mehrere an große Beutetiere angepasste Arten hervorgebracht haben.

Zu guter Letzt konnten die Wissenschaftler durch Ieldraan auch neue Erkenntnisse zu einem charakteristischem Merkmal der Geosaurini gewinnen: der sogenannten Ziphodontie. Unter Ziphondontie verstehen die Paläontologen, dass sich entlang der Schneidkanten der Zähne sogenannte Dentikel entwickelt haben. Das sind kleine Zähnchen, welche die Schneidkanten sägeartig anmuten lassen und offenbar eine Anpassung an die Ernährung der großen Beutegreifer waren. Diese Ziphodontie ist bei jedem Zweig der Geosaurini charakteristisch, sodass unklar war, ob bereits der früheste Geosaurin ziphodonte Zähne hatte, aus denen sich die anderen entwickelt haben oder ob das Merkmal bei allen Zweigen unabhängig voneinander entstanden ist.

Nun zeigt sich: sowohl Tyrannoneustes (die callovische Gattung aus der „subclade T.“) als auch Ieldraan verfügten lediglich über eine „beginnende Mikroziphodontie“. Das bedeutet, ihre Zähne besaßen zwar besagte Dentikel, diese waren allerdings mikroskopisch klein und bedeckten die Schneidkanten nur teilweise. Bei einem mitteljurassischen Zahn, der wahrscheinlich in die Dakosaurina gehört, findet sich dagegen eine bereits voll ausgebildete Makroziphodontie. Daraus folgern Foffa et al.:  Eine voll ausgebildete Ziphodontie hat sich bei den Geosaurini nicht schon ganz am Anfang entwickelt, sondern könnte innerhalb einer geologisch kurzen Zeit mindestens dreimal, eventuell sogar viermal unabhängig voneinander entstanden sein.

Um diese Hypothese zu testen, sind allerdings noch mehr und vor allem vollständigere Fossilien nötig. Auch in der Evolutionsgeschichte der Meereskrokodile klaffen noch einige Lücken, zumindest eine davon konnten die Wissenschaftler durch das „Melksham Monster“ jetzt schließen.

 

Literatur:

Davide Foffa, Mark T. Young, Stephen L. Brusatte, Mark R. Graham & Lorna
Steel (2017): A new metriorhynchid crocodylomorph from the Oxford Clay Formation (Middle
Jurassic) of England, with implications for the origin and diversification of Geosaurini, Journal of
Systematic Palaeontology, DOI: 10.1080/14772019.2017.1367730


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Pascal Abel, 23, studiert Geowissenschaften im Master am GeoZentrum Nordbayern mit den Vertiefungen Paläobiologie und Sedimentologie. Interessenschwerpunkte sind Wirbeltiere, Paläoökologie und Paläoumwelt. Bloggt auch nebenbei noch auf www.erdgeschichten.wordpress.com