Klimakalender für die Saale-Eiszeit

Share Button

Ein früherer Vulkansee in der Oberpfalz bietet viele neue Erkenntnisse für die Klimaforschung. Das erst vor wenigen Jahren entdeckte „Trockenmaar“ erweist sich als ein vollständiger Klimakalender für die vorletzte große Inlandsvereisung in Deutschland. Der trockengefallene Vulkansee liegt unter einem Fichtenwald verborgen nahe dem oberpfälzischen Kurort Neualbenreuth. In seinen Ablagerungen können Geowissenschaftler wie in einem Archiv lesen.

Ein erst vor wenigen Jahren entdecktes „Trockenmaar“ erweist sich als ein vollständiger Klimakalender für die vorletzte große Inlandsvereisung in Deutschland. Der frühere Vulkansee liegt unter einem Fichtenwald verborgen nahe dem oberpfälzischen Kurort Neualbenreuth. In seinen Ablagerungen können Geowissenschaftler wie in einem Archiv lesen.

Das Neualbenreuther Trockenmaar reiht sich zusammen mit dem erst vor zehn Jahren entdeckten Mýtina Trockenmaar, sowie den beiden schon länger bekannten Vulkanen Eisenbühl (Železná hůrka) und Kammerbühl (Komorní hůrka), alle drei auf tschechischem Gebiet, entlang einer tektonischen Störungszone auf. Erste Hinweise auf eine mögliche Maar-Eruption lieferten geologisch-geotektonische Untersuchungen unter der Leitung von Dr. Horst Kämpf vom Deutschen GeoForschungsZentrum (GFZ), Sektion „Organische Geochemie“, und Dr. Johann Rohrmüller vom Bayerischen Landesamt für Umwelt.

Bild von der Bohrung nach den uralten Sedimenten im früheren Vulkansee (“Trockenmaar”) in der Oberpfalz.
(Bild: Bayerisches Landesamt für Umwelt)

Durch umfangreiche feldgeophysikalische Untersuchungen mit Gravimetrie, Magnetik, Seismik und Geoelektrik, die vom Bayerischen Landesamt für Umwelt unter Leitung von Dr. Erwin Geiß, gemeinsam mit Dr. Jan Mrlina, Geophysikalisches Institut der Tschechischen Akademie der Wissenschaften, durchgeführt wurden, konnte die im Untergrund verborgene Maarstruktur in der Nähe des Kurortes Neualbenreuth lokalisiert werden. Eine Forschungsbohrung, die im Jahre 2015 vom Bayerischen Landesamt für Umwelt dort abgeteuft wurde, förderte 100 Meter mächtige Seeablagerungen zu Tage.

Die geophysikalischen, sedimentologischen und geochemischen Analysen dieses Bohrkerns erfolgten am GFZ unter Leitung von Dr. Norbert Nowaczyk, Dr. Jens Mingram und Dr. Birgit Plessen, Sektion „Klimadynamik und Landschaftsentwicklung“. Pollenanalytische Untersuchungen durch Dr. Martina Stebich von der Senckenberg Forschungsstation für Quartärpaläontologie Weimar, lieferten dazu vegetationsgeschichtliche Daten.
Die gemeinsame Auswertung der ersten Ergebnisse ergab, dass die Eruption, die das Neualbenreuther Trockenmaar formte, vor ca. 280.000 bis 300.000 Jahren erfolgt sein muss. Im Anschluss daran bildete sich ein See, der sich nach und nach mit Sedimenten füllte und vor etwa 85.000 Jahren verlandete. Somit bietet dieses neu entdeckte Klimaarchiv detaillierte Informationen zur Umweltgeschichte während der vorletzten Eiszeitperiode, der „Saale-Eiszeit“ und der sich anschließenden Eem-Warmzeit.

Aufgrund der eiszeitlichen Gletschervorstöße bis ins nördliche Mitteleuropa ist hier die Vegetations- und Klimaentwicklung der Saale-Kaltzeit bislang nur bruchstückhaft dokumentiert.
Anhand des Neualbenreuther Bohrkerns haben die Forschenden nun erstmals drei aufeinander folgende ausgeprägte Warmphasen innerhalb der Saale-Eiszeit für Mitteleuropa nachgewiesen, in denen Laubmischwälder mehrfach die eiszeitliche Kältesteppe ablösten.

Die vorliegenden Ergebnisse sind Teil eines gerade anlaufenden internationalen Forschungsprojekts, größtenteils gefördert durch das Internationale Kontinentale Tiefbohrprojekt (ICDP), in dessen Rahmen weitere Untersuchungen zur aktiven Geodynamik (Schwarmbeben, Magmenaufstieg, Vulkanismus), zur Aktivität der Tiefen-Biosphäre, sowie zur Klimadynamik im deutsch-tschechischen Grenzgebiet geplant sind.

Veröffentlichung :
J. Rohrmüller, H. Kämpf, E. Geiß, J. Großmann, I. Grun, J. Mingram, J. Mrlina, B. Plessen, M. Stebich, C. Veress, A. Wendt , N. Nowaczyk (2017): Reconnaissance study of an inferred Quaternary maar structure in the western part of the Bohemian Massif near Neualbenreuth, NE-Bavaria (Germany), International Journal of Earth Science (Geologische Rundschau), DOI: 10.1007/s00531-017-1543-0

Ähnliche Beiträge
Forscher sagen, dass Quecksilber, das in altem Gestein eingeschlossen ist, den stärksten Beweis dafür liefert,
Es wird angenommen, dass metallische Asteroiden ursprünglich aus geschmolzenem Eisen bestanden haben, das im Weltraum
Eine neue Studie unter der Leitung der Forscherin des Lamont-Doherty Earth Observatory, Suzana Camargo, und
Grabenbrüche sind riesige Risse auf der Oberfläche unseres Planeten, an denen sich Kontinente zerteilen und
Senckenberg-Wissenschaftler aus Görlitz haben das Vulkanvorkommen in Stolpen bei Dresden untersucht. Sie kommen zu dem
The following two tabs change content below.

Pia Gaupels

Gründerin bei GeoHorizon
Pia Gaupels, *86, Bibliotheksinformationsstudium an der TH Köln von 2007-2010. Studiert seit 2014 an der Universität Münster Geowissenschaften. Der Schwerpunkt liegt auf Planetare Geologie und Geoinformationswissenschaften. 2015 gründete Sie die Seite Geohorizon. Sie ausgeprägte Fähigkeiten in der Bild- und Videobearbeitung und arbeitet seit 2018 wieder als Bibliothekarin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.