Neues Mineral in den Dolomiten entdeckt: Fiemmeit

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Forscher des MUSE Museo delle Scienze haben nun in den Dolomiten ein bislang unbekanntes Mineral entdeckt: Fiemmeit. Benannt wurde es nach dem Ort, an dem es entdeckt wurde: dem Fleimstal (Val di Fiemme) im Trentino. Die Anerkennung ist von größter Bedeutung, wenn man bedenkt, dass seit mehr als zwei Jahrhunderten in den Dolomiten keine neue Mineralienart entdeckt wurde.

“Bis heute sind der Wissenschaft nur wenig mehr als 5.000 Mineralien bekannt”, erklärt Paolo Ferretti vom MUSE, “nicht viele, wenn man sie mit den lebenden Organismen vergleicht, von denen es einige Millionen zu geben scheint. Neue Mineralienarten werden daher viel seltener entdeckt als neue Lebewesen. Was diesen Fund zu etwas ganz Besonderem macht, ist die Tatsache, dass der Fiemmeit aus einer Region – den Dolomiten – stammt, die zu den am besten erforschten Gegenden der Welt zählt. Und seit 1815 wurde in den Dolomiten kein neues Mineral mehr entdeckt.“

Die Identifizierung des Fiemmeit fügt ein weiteres Alleinstellungsmerkmal – dieses Mal mineralogisch – zu den geologischen, paläontologischen, geomorphologischen und landschaftlichen Besonderheiten hinzu, dank deren die Dolomiten zum UNESCO-Weltnaturerbe erklärt wurden.

Das Auffinden neuer Mineralien kann zwar nicht als absolute Seltenheit gelten – jedes Jahr werden in aller Welt zwischen 100 und 200 neue Arten entdeckt, es ist aber wichtig, dabei zu bedenken, dass die Dolomiten bereits seit dem 18. Jahrhundert beliebtes Forschungsziel zahlreicher Wissenschaftler waren. So wurde im Jahr 1792 der Dolomit nach dem transalpinen Geologen Deodat de Dolomieu benannt, ein Mineral, das der ganzen Gebirgsgruppe der Dolomiten seinen Namen gab. Nun ist es seit 1815, dem Jahr der Entdeckung des Gehlenits in der Nähe des Lago delle Selle (Monti Monzoni, Fassa-Tal), dass auf den so genannten „Bleichen Bergen“ keine neuen Mineralien mehr gefunden wurden, wenn man die bereits bekannten, aber im Zuge der jüngsten systematischen Revisionen neu definierten Mineralien wie Pumpellyit-(Fe3+), Chabasit-Ca und Dachiardit-Na außer Betracht lässt.

Die Entdeckung und Studien erfolgten durch die Forscher des MUSE Paolo Ferretti und Ivano Rocchetti in Zusammenarbeit mit den Kollegen der Universität Mailand Francesco Demartin und Italo Campostrini und dank der aufmerksamen Führung eines leidenschaftlichen Mineraliensammlers aus der Umgebung, Stefano Dallabona (Mineralogische Gruppe Fassa und Fiemme). Die offizielle Anerkennung erfolgte durch die Kommission der IMA (International Mineralogical Association), die über die Nomenklatur und Klassifizierung neuer Mineralien wacht (CNMNC).

Aber was ist Fiemmeit und wie sieht er aus?

Mit dem bloßen Auge lassen sich winzige hellblaue Lamellen erkennen. Es handelt sich um ein organisches Mineral, das zur Gruppe der Oxalate gehört, in diesem Fall ein Kupferoxalat-Hydrat mit der chemischen Formel Cu2(C2O4)(OH)2•2H2O, das im monoklinen Kristallsystem kristallisiert. Es ist sehr selten und die wenigen Proben, die nicht für die zur Bestimmung der neuen Art erforderlichen Analysen geopfert wurden, befinden sich in den Sammlungen des MUSE und der Fakultät für Chemie der Universität Mailand UNIMI. Fiemmeit findet sich im Inneren der inkohlten Baumstämme, die sehr häufig in der Basalschicht des Grödner Sandsteins, einer Sedimentformation, die im Oberen Perm vor ca. 260 Millionen Jahren aus einer Flusslandschaft entstand, vorkommen. Ein stratigraphisches Intervall zwischen Perm und Trias, das die Geologen des MUSE und der Universität Innsbruck schon länger aufs Korn genommen und zum Gegenstand eines Forschungsprojekts gemacht haben, das Ergebnisse von internationaler Bedeutung im Bereich der Paläontologie hervorgebracht hat.

Die Fundstelle

Das Bergwerk San Lugano in der Gemeinde Carano
Als einziges Zeugnis des bis in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen genutzten Bergwerks findet sich heute nur noch ein eingestürzter und völlig von Schutt verschlossener Schacht. Wenige Meter darunter liegt dagegen der ebenfalls eingestürzte Eingang zum Bergwerk. Das Bergwerk war bis vor 30-40 Jahren noch zugänglich und führte über wenige Meter durch einen horizontalen Tunnel, der von einem Schacht unterbrochen wurde, der diese Ebene mit der Oberfläche verband (wahrscheinlich ein Lüftungsschacht). Es wurden Kupfermineralien (Chalkosin, Tennantit, Covellit) abgebaut, die in den hier besonders häufig vorkommenden inkohlten Hölzern konzentriert sind.

Die Erforschung des Fiemmeit

Die Entdeckung des Fiemmits ist das bedeutendste Ergebnis eines Forschungsprojekts, an dem seit einigen Jahren das MUSE – Museum für Wissenschaft bei der Erforschung der Orte im Trentino-Südtirol beteiligt ist, die unter mineralogischen und auf die Archäologie des Bergbaus fokussierten Aspekten von Interesse sind. Bei der Analyse der im Bergwerk San Lugano gesammelten Proben mit dem SEM-EDS im Besitz des MUSE und dem Raman-Spektrometer eines Mitarbeiters (Ivano Rocchetti) trafen die Forscher sofort auf einige Mineralien mit Merkmalen, die keine Übereinstimmung mit den bislang bekannten Mineralienarten aufwiesen.

Weiterführende diffraktiometrische Analysen, die an der Fakultät für Chemie der Universität Mailand von Francesco Demartin und Italo Campostrini durchgeführt wurden, erlaubten es, den Aufbau dieser Mineralien zu bestimmen, wobei es sich herausstellte, dass sie zur Gruppe der Oxalate gehören. In San Lugano gibt es drei, alle drei Kupferoxalate: Middlebackit (erst 2016 in Australien entdeckt), Moolooit und Fiemmeit, eine absolute Neuheit auf internationaler Ebene, was den Entdeckern die Gelegenheit gab, den Namen dieser Art dem Val di Fiemme (Fleimstal) zu widmen. Bis heute findet sich Fiemmeit an keinem anderen Ort der Welt, und das Bergwerk San Lugano gilt als seine Typlokalität. Aufgrund des Vorkommens dieser seltenen Oxalate ist die Lagerstätte San Lugano auf internationaler Ebene geologisch einzigartig.

Die Erforschung dieser Lokalität ist nur der erste Schritt einer Reihe von Studien, die mit Sicherheit wertvolle Informationen zur Umgebung der Vergangenheit liefern werden.

Der Weg, der zur Entdeckung des Fiemmeits geführt hat, entstand aus der gelungenen Zusammenarbeit zwischen Liebhabern der Mineralogie und Forschungsinstituten (naturwissenschaftliche Museen und Universitäten).


Quelle: off. Pm des MUSE Museo delle Scienze

Titelbildunterschrift: Der Fiemmeit unter dem Mikroskop (Foto: Muse)


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Pia Gaupels

Gründerin bei GeoHorizon
Pia Gaupels, *86, Bibliotheksinformationsstudium an der TH Köln von 2007-2010. Studiert seit 2014 an der Universität Münster Geowissenschaften. Der Schwerpunkt liegt auf Planetare Geologie und Geoinformationswissenschaften. 2015 gründete Sie die Seite Geohorizon. Sie ausgeprägte Fähigkeiten in der Bild- und Videobearbeitung und arbeitet seit 2018 wieder als Bibliothekarin.