Ein neues Meereskrokodil aus den Jurakalken Nordbayerns

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Metriorhynchiden sind eine Familie ausgestorbener Meereskrokodile, die wie andere Meeresreptilien ihrer Zeit Paddel und eine Schwanzflosse entwickelt haben. Ein internationales Team aus Deutschland und Großbritannien hat nun anhand eines nahezu vollständigen Exemplars aus den Wattendorfer Plattenkalken (Landkreis Bamberg) eine neue Art dieser Krokodilverwandten beschrieben.

Während des Mesozoikums haben sich verschiedene Gruppen von Reptilien unabhängig voneinander an ein Leben im Meer angepasst. Neben berühmten Meeresreptilien wie den Fisch– und Plesiosauriern brachten auch die Vorfahren der heutigen Krokodile eine eigene Gruppe meeresbewohnender Arten hervor, die Thalattosuchia. Ähnelte ein Zweig dieser Meereskrokodile noch am ehesten den heutigen Gavialen, entwickelte sich ein anderer, ähnlich den Fischsauriern, zu einer Gruppe spezialisierter Hochseearten. Diese Familie von Meereskrokodilen, genannt Metriorhynchiden, wandelten im Lauf der Evolution ihre Beine in Paddel um, gleichzeitig bildeten sie eine Schwanzflosse aus, die Augen wanderten von der Schädeloberseite zu den Seiten und der für Krokodile ansonsten so typische Knochenpanzer verschwand. Auf einen damaligen Betrachter dürften Metriorhynchiden damit stellenweise mehr wie Delfine als tatsächliche Krokodile gewirkt haben.

Lebendrekonstruktion eines Cricosaurus mit zwei Jungtieren in einer der damaligen Lagunen. Bild Joschua Knüppe.

Einem internationalen Forscherteam aus Deutschland und Großbritannien ist es nun gelungen eine weitere Art dieser besonderen Krokodilverwandten zu identifizieren. Gefunden wurde das einzig bekannte, aber fast vollständige Exemplar der Cricosaurus bambergensis genannten Art bereits 2014 durch das Grabungsteam des Naturkunde-Museums Bamberg in einem Kalksteinbruch bei Wattendorf (Landkreis Bamberg, Oberfranken) und ist seitdem Bestandteil der hauseigenen Ausstellung. Der Schwanz des Krokodils, womöglich von einem größeren Meeresreptil abgebissen, konnte einige Meter entfernt vom Rest des Körpers geborgen werden.

Die Gattung Cricosaurus ist bereits durch eine Vielzahl weiterer Arten bekannt, die unter anderem in Mexiko und Argentinien gefunden wurden. Auch aus Süddeutschland sind aktuell drei Arten von Cricosaurus überliefert. Die Paläontologen sind sich dennoch sicher, dass es sich bei dem Exemplar aus Oberfranken um eine bis dato unbekannte Art dieser Meereskrokodile handelt. Das Geheimnis liegt dabei unter anderem in den Merkmalen des Schädels. So erklärt Sven Sachs (Naturkunde-Museum Bielefeld), der Projektleiter der Studie: „Unsere Studie hat aufgezeigt, dass Cricosaurus bambergensis anatomische Besonderheiten besaß, die bisher in keinem anderen fossilen Krokodil nachgewiesen werden konnten. So sind etwa zwei Vertiefungen im Gaumen vorhanden, die durch einen ausgeprägten Kiel getrennt werden. Wozu diese Vertiefungen dienten ist uns nicht klar.“ Auch die Schwanzflosse weißt einige einzigartige Merkmale auf wie Co-Autor Dr. Mark Young (University of Edinburgh) hervorhebt: “Die Schwanzflosse ist ein Mosaik aus Merkmalen, die wir bei anderen Meereskrokodilen beobachten können. Die Flosse des Bamberger Exemplars befindet sich dabei zwischen Arten mit einer wenig und Arten mit einer stark gespreizten Schwanzflosse.”

Der 3D-Scan von Cricosaurus bambergensis. Die womöglich abgebissene Schwanzhälfte wurde von den Autoren digital an die passende Stelle versetzt. Bild Sachs et al. (2019)

Gelebt hat Cricosaurus bambergensis während der Epoche des Oberjura vor etwa 150 Millionen Jahren in einem von Inseln geprägten Gebiet des damaligen Tethysmeeres. In den lagunenähnlichen Becken zwischen diesen Inseln lagerten sich über Jahrtausende hinweg Plattenkalke ab, wie sie zum Beispiel auch im Altmühltal in der Gegend um Solnhofen abgebaut werden. Die Plattenkalke von Solnhofen sind schon seit weit über hundert Jahren als Fundorte außergewöhnlich erhaltener Fossilien bekannt, darunter unter anderem der berühmte Urvogel Archaeopteryx. Auch zwei Arten von Cricosaurus sowie einige weitere Gattungen von Meereskrokodilen sind aus diesen Schichten überliefert. Im Gegensatz dazu wurden die Plattenkalke der „Wattendorfer Lagune“, die Cricosaurus bambergensis beherbergten, erst zu Beginn dieses Jahrtausends erstmalig beschrieben. Dennoch lässt sich durch die außergewöhnlich hohe Anzahl an Fossilien in diesen Schichten (darunter u. a. eine Vielzahl an Fischen und mehrere Arten von Schildkröten) schon ein recht gutes Bild des damaligen Lebensraums zeichnen. So unterstreicht auch Co-Autor Pascal Abel vom Senckenberg Centre der Universität Tübingen (sowie Autor für GeoHorizon): „Dieses neue Meereskrokodil aus Bayern ist eine wichtige Ergänzung zum einzigartigen Ökosystem der Wattendorfer Lagune, die sich in vielerlei Hinsicht von den berühmteren Solnhofener Lagunen weiter im Süden unterschieden hat.”

Cricosaurus bambergensis war wie die anderen bekannten Arten der Gattung ein recht schlankes und eher kleinwüchsiges Tier, das sich wahrscheinlich von flinken Beutetieren wie Belemniten (Verwandte der Tintenfische) und kleineren Fischen ernährte.

Um den Zugang zu dem Fossil auch für andere Forscher zu erleichtern hat Dr. Heinrich Mallison (Palaeo3D), ein weiterer Kollege und Co-Autor von Sven Sachs, mit einer Methode namens Photogrammetrie einen 3D-Scan des Fossils angefertigt, der in Zukunft vom Naturkunde-Museum in Bielefeld verwaltet wird.



Veröffentlichung: Sachs, S., Young, M.T., Abel, P., and Mallison, H. 2019. A new species of metriorhynchid crocodylomorph Cricosaurus from the Upper Jurassic of southern Germany. Acta Palaeontologica Polonica 64.
https://www.app.pan.pl/article/item/app005412018.html

Quelle: off. Pm (Link) und https://www.sachspal.de/cricosaurus



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Pia Gaupels

Gründerin bei GeoHorizon
Pia Gaupels, *86, Bibliotheksinformationsstudium an der TH Köln von 2007-2010. Studiert seit 2014 an der Universität Münster Geowissenschaften. Der Schwerpunkt liegt auf Planetare Geologie und Geoinformationswissenschaften. 2015 gründete Sie die Seite Geohorizon. Sie ausgeprägte Fähigkeiten in der Bild- und Videobearbeitung und arbeitet seit 2018 wieder als Bibliothekarin.

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