Einzigartig erhaltener fossiler Chamäleonschädel wirft neues Licht auf den Ursprung der Schuppenkriechtiere

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In Zusammenarbeit mit einem internationalen Team hat Senckenberg-Wissenschaftler Thomas Lehmann einen etwa 18 Millionen Jahre alten fossilen Chamäleonschädel aus Kenia untersucht. Das Fossil aus dem frühen Miozän ist außergewöhnlich gut erhalten und zählt zu den ältesten Chamäleonfunden weltweit. Der Schädel gehört zu einer bislang unbekannten Art der Gattung Calumma und ist der erste Nachweis für einen afrikanischen Ursprung der – heute endemisch auf Madagaskar lebenden – Tiere. Die Studie erschien kürzlich im Fachjournal „Scientific Reports“.

Über die Hälfte aller Chamäleon-Arten leben heute auf Madagaskar. Auch die Gattung Calumma – farbenfrohe Chamäleons mit der Fähigkeit zu deutlichen Farbveränderungen – ist in dem Inselstaat endemisch. „Lange war man daher davon ausgegangen, dass die ‚Wiege der Chamäleons’ auf Madagaskar liegt“, erklärt Dr. Thomas Lehmann vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt und fährt fort: „Wir haben nun den ersten Nachweis für den Ursprung der charakteristischen Schuppenkriechtiere auf dem afrikanischen Festland gefunden!“ 

Der untersuchte Chamäleon-Schädel aus dem frühen Miozän. (Foto: Senckenberg)

Lehmann hat gemeinsam mit einem internationalen Team ein außergewöhnlich gut erhaltenes Schädelfossil eines Chamäleons aus der wissenschaftlichen Sammlung des National Museums of Kenyas mittels Mikro-Tomographie untersucht. 

„Der Schädel stammt aus dem frühen Miozän und ist damit eines der ältesten Chamäleonfossilien weltweit. Die vollständige Erhaltung macht das Fossil einzigartig“.

erläutert Dr. Job Kibii, Kurator am National Museums of Kenya den besonderen Fund.

Durch die hochauflösenden Scans konnten die Forschenden das Fossil aus der kenianischen Fundstelle Rusinga Island einer neuen Art aus der Gattung Calumma zuordnen. „Das ist insofern sehr überraschend, weil heutige Tiere dieser Gattung ausschließlich auf Madagaskar leben!“, ergänzt Erstautor der Studie Dr. Andrej Čerňanský von der Comenius Universität in Bratislava das Ergebnis. Die Forschenden schließen aus dem außergewöhnlichen Fund, dass der Ursprung der auf Madagaskar lebenden Chamäleons auf dem afrikanischen Festland liegen muss. 

Doch wie gelangten die – als eher schlechte Schwimmer bekannten – Chamäleons von Kenia nach Madagaskar, zumal sich die Insel bereits vor 100 Millionen Jahren in der Zeit des späten Mesozoikums vom afrikanischen Kontinent abspaltete? 

„Wir gehen davon aus, dass die Chamäleons auf ‚schwimmenden Inseln’, Flößen aus Baumstämmen und Ästen, nach Madagaskar kamen. Solche Transportwege sind bereits von verschiedenen Tierarten bekannt – bei einer baumlebenden Art erscheint dieses Szenario zudem sehr wahrscheinlich“,

antwortet der Frankfurter Paläontologe. 

Das internationale Team hat die neue Art Calumma benovskyi daher auch konsequenterweise nach einem bedeutenden Abenteurer und Forschungsreisenden benannt: Móric Beňovský segelte als erster Europäer – sieben Jahre vor James Cook – über den Nordpazifik. „Die Chamäleons sind ihre Reise nach Madagaskar nicht absichtlich angetreten – sie waren auf dieser aber nicht allein: Einige Halbaffen, wie beispielsweise das Fingertier, haben über den gleichen Weg die Insel besiedelt. Heute sind diese Tiere nicht mehr aus Madagaskar wegzudenken“, schließt Lehmann.


Veröffentlichung: Čerňanský, A., Herrel, A., Kibii, J.M. et al. The only complete articulated early Miocene chameleon skull (Rusinga Island, Kenya) suggests an African origin for Madagascar’s endemic chameleons. Sci Rep 10, 109 (2020) doi:10.1038/s41598-019-57014-5

Quelle: off. Pm der Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseen

Titelbildunterschrift: Künstlerische Rekonstruktion der neuen Chamäleonart. (Ill.: Connor Ross)


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Pia Gaupels

Gründerin bei GeoHorizon
Pia Gaupels, *86, Bibliotheksinformationsstudium an der TH Köln von 2007-2010. Studiert seit 2014 an der Universität Münster Geowissenschaften. Der Schwerpunkt liegt auf Planetare Geologie und Geoinformationswissenschaften. 2015 gründete Sie die Seite Geohorizon. Sie ausgeprägte Fähigkeiten in der Bild- und Videobearbeitung und arbeitet seit 2018 wieder als Bibliothekarin.

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