Fossilfund: Millionen Jahre alter Schnappschuss eines missglückten Fressversuchs

Print Friendly, PDF & Email
Share Button

Anhand eines 152 Millionen Jahre alten Fossils aus Süddeutschland konnten Forscher neue Erkenntnisse über die Speisekarte von Flugsauriern gewinnen. In einer Versteinerung aus dem Solnhofener Plattenkalk fanden sie einen Flugsaurierzahn, der im Weichgewebe eines Kopffüßers (umgangssprachlich: Tintenfisch) steckt,– der erste Beleg, dass Flugsaurier neben Fischen auch diese Meerestiere gejagt haben. Ein Team um Dr. René Hoffmann vom Institut für Geologie, Mineralogie und Geophysik der Ruhr-Universität Bochum berichtet über den Fund in der Zeitschrift Scientific Reports.

Die Bedingungen, unter denen die Fossilien im Solnhofener Steinbruch entstanden, sind selten. Sauerstoffarmut am Meeresboden, erhöhter Salzgehalt und ruhige Wasserbedingungen führten dazu, dass Weichteile phosphatisiert wurden und somit erhalten blieben. Unter UV-Licht leuchten die erhaltenen Weichteile weiß. So konnte René Hoffmann zeigen, dass der abgebrochene Zahn des Flugsauriers nicht zufällig mit dem Kopffüßer zusammen versteinert worden war, sondern in dessen Weichgewebe steckt.

Artenbestimmung

Flugsaurierexperte Dr. Jordan Bestwick von der University of Leicester rekonstruierte, dass der Zahn einem nahezu ausgewachsenen Flugsaurier der Art Rhamphorhynchus muensteri gehört haben muss. Die Forscher vermuten, dass das Tier über der Wasseroberfläche jagte, den Kopffüßer schnappte, der sich daraufhin zur Wehr setzte und befreien konnte – dabei brach dem Flugsaurier ein Zahn ab.

Etwa 30 Zentimeter lang ist der versteinerte Kopffüßer. Von dieser Art waren nur drei erhaltene Exemplare bekannt – jetzt sind es vier. (Foto: Michael Schwettmann)

Der achtarmige Kopffüßer gehört zur Art Plesioteuthis subovata, wie Dr. Dirk Fuchs von der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und Geologie bestimmte. Aufgrund der Anzahl an Armen ist Plesioteuthis innerhalb der Kopffüßer am nächsten mit dem heute noch lebenden Octopus verwandt. Von dieser Art sind bislang nur drei Fossilfunde bekannt. Ob der in der Versteinerung erhaltene Kopffüßer unmittelbar nach der Attacke durch den Flugsaurier starb oder noch weiterlebte, können die Forscher nicht sagen. „Der Zahn steckt an einer Stelle, an der keine lebensnotwendigen Organe sitzen“, erklärt René Hoffmann. „Es kann also sein, dass er durchaus eine Weile so weitergelebt hat.“

Dass der abgebrochene Zahn wirklich im Tintenfisch steckt und nicht nur zufällig in der gleichen Versteinerung landete, zeigt sich im UV-Licht: Hier schimmert der phosphatisierte Weichkörper weiß, er liegt über dem Zahn. (Foto: Michael Schwettmann)

Fossilfund eines Hobbysammlers

Auf das Fossil aufmerksam geworden war René Hoffman in der Zeitschrift „Der Steinkern“. Dort war ein kleines Bild des Fundes abgedruckt, das der Hobbysammler und Fossilpräparator Udo Resch entdeckt hatte. Gemeinsam mit Guido und Roman Berndt hatte er es sorgfältig präpariert. Nach der Kontaktaufnahme durch René Hoffmann stellte Guido Berndt das Fundstück für wissenschaftliche Analysen zur Verfügung. Es wird künftig im Paläontologischen Institut und Museum der Universität Zürich ausgestellt.


Veröffentlichung: René Hoffmann, Jordan Bestwick, Guido Berndt, Roman Berndt, Dirk Fuchs, Christian Klug: Pterosaurs ate soft-bodied cephalopods (Coleoidea), in: Scientific Reports, 2020, DOI: 10.1038/s41598-020-57731-2

Quelle: off. Pm der Ruhr-Universität Bochum

Titelbildunterschrift: Diese Illustration zeigt, wie es zu dem Fossilfund gekommen sein könnte: Bei dem Versuch, einen Tintenfisch zu fressen, wehrte sich dieser, und der Flugsaurier verlor einen Zahn. (Ill.: Christian Klug and Beat Scheffold)


Ähnliche Beiträge
Die Kartierung der Verteilung des Lebens auf der Erde, von den Genen über die Arten
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Jaime A. Villafaña vom Institut für Paläontologie der
Ein internationales Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Mark MacDougall vom Museum für Naturkunde Berlin und
Der Ursprung der heutigen Amphibien - Frösche, Salamander und Blindwühlen - ist noch immer weitgehend
Als die Vorfahren heutiger Menschen vor etwa 50.000 Jahren Afrika verließen, trafen sie auf Neandertaler.
The following two tabs change content below.

Pia Gaupels

Gründerin bei GeoHorizon
Pia Gaupels, *86, Bibliotheksinformationsstudium an der TH Köln von 2007-2010. Studiert seit 2014 an der Universität Münster Geowissenschaften. Der Schwerpunkt liegt auf Planetare Geologie und Geoinformationswissenschaften. 2015 gründete Sie die Seite Geohorizon. Sie ausgeprägte Fähigkeiten in der Bild- und Videobearbeitung und arbeitet seit 2018 wieder als Bibliothekarin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.