Neuer Pterosaurier ist erster Vertreter seiner Familie in Großbritannien

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Wightia declivirostris, eine neue Art von Pterosauriern aus der frühen Kreidezeit von der Isle of Wight, ist das erste gesicherte Mitglied der seltsam anmutenden Familie Tapejaridae aus den Schichten der britischen Inseln. Wenn auch nur von einem Kieferbruchstück überliefert, lassen sich bereits erste Schlüsse über die Verwandtschaftsverhältnisse der neuen Art ziehen.

Auf den ersten Blick sieht das neue Fossil, das David M. Martill und KollegInnen von der University of Portmouth im Journal Cretaceous Research vorstellen, gar nicht besonders spannend aus. Und doch hat das nur wenige Zentimeter lange Knochenbruchstück Implikationen für die einstige Zusammensetzung der Pterosaurier-Fauna Großbritanniens sowie die damalige Verbreitung einer eher ungewöhnlichen Pterosaurierfamilie.

Bei dem Fossil handelt es sich um ein Zwischenkieferbein (Prämaxillare), ein Knochen, der bei vielen Wirbeltieren die Schnauzenspitze bildet. Gefunden wurde es von einem Fossiliensammler an der Küste der südenglischen Isle of Wight. Die dort anstehenden Schichten der Wessex-Formation (Unterkreide, etwa 125 Millionen Jahre alt) sind für ihre reiche Fossilfülle bekannt und lieferten neben zahlreichen Dinosauriern auch bereits mehrere Funde von Pterosauriern. Genauso wie das neue Fossil, beschränken sich diese und andere Pterosaurierfunde aus der Unterkreide Großbritanniens oft nur auf Reste der Kiefer. So weit, so gewöhnlich.

Interessant ist für Martill et al. die genaue Zuordnung des Fossils innerhalb der Pterosaurier. Die meisten Pterosaurier aus der Unterkreide Großbritanniens waren Arten mit bezahnten Kiefern. Der neue Knochen ist jedoch gut genug erhalten um abzuleiten, dass der einstige Besitzer nur einen zahnlosen Schnabel besaß, der an der Spitze leicht nach unten geknickt war. Das spricht laut den Wissenschaftlern für eine Zuordnung zu der Familie Tapejaridae. Es wäre damit der erste klare Beleg für einen Tapejariden in der Unterkreide Großbritanniens. Durch die Form dieses Zwischenkieferbeins sowie der Anordnung der Nervenöffnungen am Knochen konnten die Wissenschaftler das Fossil außerdem von anderen bereits bekannten Tapejariden abgrenzen. Sie ordnen den Fund deshalb einer neuen Art zu, die sie nach dem Fundort Wightia declivirostris nennen.

Selbst für Pterosaurier-Standards boten Tapejariden einen eher ungewöhnlichen Anblick. Von vollständigeren Funden aus China und Brasilien weiß man, dass diese Pterosaurier ein Paar langer Knochenkämme am Schädel besaßen. An diesen wiederum war bei den lebenden Tieren wahrscheinlich einst ein großes Hautsegel aufgespannt, dass bei einigen Gattungen wie dem südamerikanischen Tupandactylus wirklich imposante Größen angenommen haben muss. Wie dieses Segel bei Wightia beschaffen war, lässt sich aber nicht feststellen.

Worüber Martill und KollegInnen aber noch eine Aussage treffen konnten, sind die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Wightia und anderen Tapejariden. Verglichen mit den Funden aus China und Brasilien sprechen laut den Wissenschaftlern der Winkel um den die Schnabelspitze geknickt ist sowie die Proportionen im Verhältnis zur Nasenöffnung eher für eine Verwandtschaft zu den fernöstlichen Vertretern. Auch die Tatsache, dass Wightia und die chinesischen Funde zu den ältesten bekannten Fossilien von Tapejariden zählen, kann als Argument für eine engere Verwandtschaft gelten.

Kein Vergleich ist dagegen mit den bisherigen Funden von Tapejariden aus Nordafrika und dem europäischen Festland möglich. Allen voran der gleichalte Europejara aus Spanien. Von diesem Pterosaurier ist aktuell noch kein Zwischenkiefer bekannt. Eine Gegenüberstellung zwischen Wightia und anderer europäischer Tapejariden muss deshalb vorerst warten.

Veröffentlichung: Martill, D. M., Green, M., Smith, R., Jacobs, M., & Winch, J. (2020). First tapejarid pterosaur from the Wessex Formation (Wealden Group: Lower Cretaceous, Barremian) of the United Kingdom. Cretaceous Research, 104487.

Pressemitteilung: University of Portsmouth

Titelbildunterschrift: Lebendrekonstruktion der neuen Art Wightia declivirostris. Künstlerin: Megan Jacobs

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Pascal Abel

Pascal Abel, Jahrgang 1994, hat an der Uni Erlangen Geowissenschaften mit den Vertiefungen Paläobiologie und Angewandter Sedimentologie studiert. Derzeit arbeitet er als Doktorand am SHEP Tübingen über die Schädelevolution von Landwirbeltieren. Nebenbei beschäftigt er sich auch mit ausgestorbenen Meeresreptilien und allgemein palökologischen Themen.

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