“Säbelzahnbeutler” und Säbelzahnkatze: ähnliches Aussehen, unterschiedliche Ernährungsweise

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Neben den berühmten Säbelzahnkatzen, haben eine Reihe weiterer ausgestorbener Raubsäuger ihre oberen Eckzähne stark verlängert. Der Bekannteste davon ist wahrscheinlich der südamerikanische Thylacosmilus atrox, ein Verwandter der heutigen Beuteltiere. Lange für eine konvergente Entwicklung zu den Säbelzahnkatzen gehalten, zeigt eine neue Studie nun, dass Säbelzahnkatzen und der “Säbelzahnbeutler” ihr Gebiss unterschiedlich einsetzten.

In der Evolutionslinie der Säugetiere haben sich mehrmals unabhängig voneinander Formen mit “Säbelzähnen”, also stark verlängerten oberen Eckzähnen, entwickelt. Die charismatischsten davon sind sicherlich Säbelzahnkatzen wie Smilodon. Aber auch bei anderen Katzenverwandten wie den ausgestorbenen Nimraviden und Barbourofeliden sowie bei den frühen Vorfahren der Säugetiere traten Säbelzähne auf. Einer der bekanntesten Säbelzahnträger neben Smilodon und Co. ist dabei wahrscheinlich die ausgestorbene Art Thylacosmilus atrox.

Thylacosmilus lebte im späten Neogen, vor etwa acht Millionen Jahren, im Gebiet des heutigen Argentiniens. Anders als Säbelzahnkatzen war Thylacosmilus kein Plazentatier, sondern ein Mitglied der Metatheria. Eine Großgruppe, zu der auch die heutigen Beuteltiere gehören. Thylacosmilus war in etwa so groß wie ein Jaguar, hatte aber deutlich kürzere Beine. Auffällig sind natürlich die stark verlängerten Säbelzähne im Oberkiefer, weshalb Thylacosmilus gerne als eine konvergente Evolution zu Säbelzahnkatzen gesehen wird. Derartige unabhängige Entwicklungen von ähnlichen Formen sind zum Beispiel auch zwischen Beutelwolf und Hunden oder Gleithörnchen und Gleitbeutlern bekannt.

Doch scheint die Ähnlichkeit zwischen Säbelzahnkatze und “Säbelzahnbeutler” wohl nur oberflächlich zu sein. In einer neuen in PeerJ veröffentlichten Studie haben Wissenschaftler um Christine Janis von der University of Bristol detailliert Schädel und Zähne von Thylacosmilus mit denen der Säbelzahnkatzen verglichen. Ihre Ergebnisse deuten darauf hin, dass beide Gruppen ihre Säbelzähne klar unterschiedlich eingesetzt haben.

Schon in der Struktur des Gebisses gibt es nennenswerte Unterschiede. Während Katzen ihre oberen Schneidezähne zum Abschaben des Fleisches von den Knochen verwenden, sind diese Zähne bei Thylacosmilus komplett zurückgebildet. Auch sind die beiden Hälften des Unterkiefers bei Thylacosmilus nicht verschmolzen. Selbst die Säbelzähne unterscheiden sich zwischen Säbelzahnbeutler und Säbelzahnkatze. Während sie bei den Katzen flach wie ein Messer sind, haben sie bei Thylacosmilus eine im Querschnitt dreieckige Form.

Um mehr über die einstigen Auswirkungen dieser Unterschiede herauszufinden, haben Janis und KollegInnen die Schädel von Thylacosmilus, Katzen und deren Verwandten biomechanischen Untersuchungen unterzogen. Die WissenschaftlerInnen konnten dabei zeigen, dass während die Säbelzähne der Säbelzahnkatzen zum Zustechen ausgelegt waren, Thylacosmilus seine Säbelzähne eher für Zug- und Seitwärtsbewegungen eingesetzt hatte. Gleichzeitig deuten die Abnutzungsspuren an den hinteren Zähnen von Thylacosmilus auf eine weichere Nahrung hin.

Janis und KollegInnen sehen hier Parallelen zu dem heutigen Geparden, der nur das Fleisch seiner Opfer frisst, da er mit seinem Gebiss keine Knochen knacken kann. Allerdings betonen die WissenschaftlerInnen, dass eine Ernährung wie beim Geparden für Thylacosmilus schwierig wäre, da diesem dafür die oberen Schneidezähne fehlen. Die fehlenden Schneidezähne und der gleichzeitig hohe Gaumen könne dagegen auf eine große Zunge hinweisen.

Insgesamt ist Thylacosmilus also eher ein Rätsel, da es offenbar keine heutigen Gegenstücke zu seiner Lebensweise gibt. Am wahrscheinlichsten können sich Janis und KollegInnen vorstellen, dass Thylacosmilus in erster Linie kein Beutegreifer, sondern ein spezialisierter Aasfresser war. Der Schädel scheint gut darauf ausgelegt zu sein, Kadaver zu öffnen und die geringen Abnutzungsspuren der Zähne zusammen mit der großen Zunge könnten bedeuten, dass es der Säbelzahnbeutler vor allem auf die inneren Organe abgesehen hat. Eine ähnliche Ernährungsweise kenne man auch vom im letzten Jahrhundert ausgestorbenen Beutelwolf.

Veröffentlichung: Janis, C. M., Figueirido, B., DeSantis, L., & Lautenschlager, S. (2020). An eye for a tooth: Thylacosmilus was not a marsupial “saber-tooth predator”. PeerJ, 8, e9346.

Pressemitteilung: University of Bristol

Titelbildunterschrift: Die Schädel von Thylacosmilus atrox (links) und der Säbelzahnkatze Smilodon fatalis (rechts). Bild Stephan Lautenschlager.

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Pascal Abel

Pascal Abel, Jahrgang 1994, hat an der Uni Erlangen Geowissenschaften mit den Vertiefungen Paläobiologie und Angewandter Sedimentologie studiert. Derzeit arbeitet er als Doktorand am SHEP Tübingen über die Schädelevolution von Landwirbeltieren. Nebenbei beschäftigt er sich auch mit ausgestorbenen Meeresreptilien und allgemein palökologischen Themen.

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