Kannibalismus unter Allosauriern

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Kannibalismus in der rezenten Tierwelt ist nichts ungewöhnliches. Bei fossilen Spezies ist er jedoch selten dokumentiert. Daher ist es umso ungewöhnlicher, dass man im Mygatt-Moore-Aufschluss (engl. Mygatt Moore Quarry oder kurz, MMQ) unter zahllosen Fossilien mit Bissspuren auch welche an Theropoden fand. Die Funde sind der erste Beleg von Kannibalismus unter Allosauriern.

Bissspuren sind ein wichtiges Mittel in der Paläobiologie, um das Nahrungsverhalten ausgestorbener Spezies zu verstehen. Bissspuren von Theropoden sind jedoch, verglichen mit denen karnivorer Säugetiere, im Fossilbericht unterrepräsentiert. Dies gilt insbesondere für Theropoden wie den Allosaurus, die, anders als beispielsweise die Tyrannosaurier, keine besonderen Anpassungen an den Konsum von Knochen aufwiesen.

Nun gibt es jedoch einen Aufschluss in der Morrison-Formation (obere Jurazeit, USA), aus welchem Bissspuren an Wirbeltierfossilien in einem kürzlich erschienen Paper von Drumheller und Kollegen beschrieben wurden.

Hierbei handelt es sich um den oben erwähnten Mygatt-Moore-Aufschluss (MMQ).

Von 2.368 gefundenen Wirbeltierfossilien, die im Aufschluss seit 1981 gefunden worden waren, wiesen 29% Zahnabdrücke auf. Dies ist höchst ungewöhnlich, da die meisten vergleichbaren Fossilienansammlungen über Bissspurenanteile von weniger als 4% verfügen.

Es ist gut möglich, dass zu der Zeit Dürre herrschte und die Theropoden auf verwesende Kadaver angewiesen waren. Unter dieser Ausgangssituation mussten sie auch Körperteile fressen, die sie sonst verschmäht hätten, etwa die Knochen. Da unter anderem auch Zehenknochen gebissen wurden, ist dies eine sehr wahrscheinliche Hypothese.

Allosaurus und andere große Theropoden waren keine wählerischen Esser, vor allem, wenn in ihrem Lebensraum die Beute knapp wurde. Aasfressen und auch Kannibalismus standen für sie sicherlich mit auf dem Speiseplan.”

sagte Stephanie K. Drumheller in einem Interview mit scinexx

Ebenso zeigen die Fossilien Indizien auf Kannibalismus. Nach Sauropoden, welche die größte Zahl von Fossilien mit Bissspuren stellten, zeigten Theropodenfossilien am zweitmeisten Zahnabdrücke.

„Das Fressen von Aas – auch von Artgenossen – ist bei den großen Raubtieren der heutigen Zeit relativ häufig. Denn Raubtiere nutzen vor allem die Nahrungsressourcen, die wenig Aufwand erfordern – und das ist bei herumliegenden Kadavern der Fall.“

so Drumheller

Die große Stichprobe erlaubte es den Forschern zudem, eine Methodologie zu entwickeln, laut welcher man die Größe und ungefähre Taxonomie der Verursacher anhand des Typs und der Weite einer Bissspur fest stellen kann. Es handelte sich bei den Verursachern, laut dieser Methodik, überwiegend um große Theropoden mit striaten Zahnabdrücken. Da der Aufschluss sich in der Morrison-Formation befindet, stellen Allosaurier und Ceratosaurier die wahrscheinlichsten Verdächtigen dar. Ein Fossil deutet auf einen besonders großen Theropoden hin, vermutlich ein Torvosaurus oder Saurophaganax.

Der Aufschluss wurde auf ein Alter von ungefähr 152 Millionen Jahren datiert, womit er der Grenze zwischen Tithonium und Kimmeridgium liegt. Er war Teil eines Ökosystems, welches nicht permanent über stehendes Wasser verfügte, wie der Mangel an Fossilien von Krokodilen, Schildkröten und Fischen zeigt. Die gefundenen Fossilien könnten in einem Wasserloch vergraben worden sein, welches durch die Dürre auszutrocknen drohte. Die Kadaver wurden vom Sediment nur langsam vergraben und vermutlich bereits zu Beginn des Taphonomie-Prozesses gebissen.

Literatur: Drumheller SK, McHugh JB, Kane M, Riedel A, D’Amore DC (2020) High frequencies of theropod bite marks provide evidence for feeding, scavenging, and possible cannibalism in a stressed Late Jurassic ecosystem. PLoS ONE 15(5): e0233115. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0233115

Quelle für Bild und Interviewaussagen: https://www.scinexx.de/news/biowissen/war-der-allosaurus-ein-kannibale/

Titelbild: © Brian Engh

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