55 Millionen Jahre altes Skelett einer Eule: Vollständigster Fossilfund aus der Frühzeit der Eulenevolution beschrieben

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Senckenberg-Wissenschaftler Gerald Mayr hat mit Kollegen aus Belgien und den USA eine neue fossile Eulenart beschrieben. Das Skelett von Primoptynx poliotauros ist das älteste in dieser Vollständigkeit erhaltene Fossil einer Eule. Der Fund gibt erstmals Einblicke in die Lebensweise der frühesten Eulen. Ähnlich wie Habichte und Adler, aber anders als heutige Eulen, tötete die sehr große Ur-Eule ihre Beute vermutlich nicht mit ihrem Schnabel, sondern mit den Krallen ihrer Füße. Die Studie erscheint im Fachjournal „Journal of Vertebrate Paleontology“.

Funde aus der Frühzeit der Eulen-Evolution sind sehr selten. Ein etwa 60 Millionen Jahre alter Beinknochen ist das älteste Fossil, das einer Eule zugeordnet werden kann. „Auch von anderen Eulen aus dieser Zeit sind in der Regel nur Einzelknochen und Fragmente überliefert. Umso mehr habe ich mich daher gefreut, als mir ein weitgehend vollständiges Eulenskelett aus der nordamerikanischen ‚Willwood Formation’ zur Bearbeitung übergeben wurde, welches mein Kollege und Ko-Autor der Studie Philip Gingerich bereits vor 30 Jahren fand“, erklärt Dr. Gerald Mayr vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt.

Das Skelett der fossilen Eule (Primoptynx poliotauros) neben dem einer heutigen Schneeeule (Nyctea scandiaca).
(Foto: Senckenberg/Tränkner)

Das neu beschriebene Tier gehört einer bislang unbekannten und sehr großen fossilen Eulenart an. Bis auf den Schädel sind alle wichtigen Knochen des 55 Millionen Jahre alten Vogels erhalten. „Die Eule war etwa so groß wie eine heutige Schneeeule. Sie unterscheidet sich aber deutlich von rezenten Eulen durch die unterschiedliche Größe ihrer Krallen. Während bei heutigen Eulen die Krallen aller Zehen etwa gleich groß sind, sind bei der von uns neu beschriebenen Art Primoptynx poliotauros die Krallen der Hinterzehe und der zweiten Zehe deutlich vergrößert“, erläutert Mayr.

Ein solcher Zehenbau ist von heutigen Greifvögeln, wie beispielsweise Adlern und Habichten, bekannt. Diese nicht näher mit Eulen verwandten Vögel durchbohren ihre Beute mit den spitzen Krallen der Füße. Mayr und seine Kollegen vermuten daher, dass die ausgestorbene Eule ihre Beutetiere ebenfalls mit den Füßen erlegte. „Heutige Eulen nutzen dagegen ihren Schnabel – es scheint also, dass die Lebensweise dieser ‚Ur-Eulen’ sich von der ihrer heutigen Verwandten deutlich unterschied“, ergänzt der Frankfurter Ornithologe. 

Bis auf den Kopf ist das 55 Millionen Jahre alte Skelett der neu beschriebenen Eule weitgehend vollständig erhalten.
(Foto: Senckenberg/Tränkner)

Der neue Fund zeigt zudem, dass im frühen Eozän Nordamerikas eine hohe Vielfalt in der Gruppe der Eulen herrschte: Von der nur 12 Zentimeter kleinen Art Eostrix gulottai, welche eine der kleinsten bekannten Eulen überhaupt ist, bis hin zu dem neu entdeckten etwa 60 Zentimeter großen Tier. 

„Warum Eulen ihre Jagdtechnik im Verlauf der Evolution änderten ist unklar. Wir vermuten aber, dass es möglicherweise mit der Ausbreitung tagaktiver Greifvögel im späten Eozän bis frühen Oligozän, vor etwa 34 Millionen Jahren, zu tun hat. Die Nahrungskonkurrenz mit Taggreifvögeln könnte für Eulen danach zu groß gewesen sein und führte eventuell auch zur nachtaktiven Lebensweise dieser charismatischen Vögel“, schließt Mayr.


Veröffentlichung: Mayr, G., P. D. Gingerich, and T. Smith. 2020. Skeleton of a new owl from the early Eocene of North America (Aves, Strigiformes) with an accipitrid-like foot morphology. Journal of Vertebrate Paleontology. doi: 10.1080/ 02724634.2020.1769116

Quelle: off. Pm der Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt

Titelbildunterschrift: Wie bei heutigen Taggreifvögeln (rechts) sind die Krallen die Hinterzehe und der zweiten Zehe von Primoptynx poliotauros (links) deutlich größer als die Krallen der dritten und vierten Zehe. Bei heutigen Eulen (Mitte) sind alle vier Krallen etwa gleich groß. Foto: Senckenberg/Tränkner


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Pia Gaupels

Gründerin bei GeoHorizon
Pia Gaupels, *86, Bibliotheksinformationsstudium an der TH Köln von 2007-2010. Studiert seit 2014 an der Universität Münster Geowissenschaften. Der Schwerpunkt liegt auf Planetare Geologie und Geoinformationswissenschaften. 2015 gründete Sie die Seite Geohorizon. Sie ausgeprägte Fähigkeiten in der Bild- und Videobearbeitung und arbeitet seit 2018 wieder als Bibliothekarin.

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