Hochentwickelte Pliosaurier (Thalassophonea) zählen zu den ikonischsten Meeresreptilien des Mesozoikums und traten vom mittleren Jura bis in die frühe Oberkreide vor allem als große bis gigantische Spitzenprädatoren in Erscheinung, welche, ähnlich heutigen Killerwalen, als Generalisten Jagd auf Beutetiere aller Art machten (siehe Foffa et al. 2014, McHenry 2009, Taylor 1993). Dagegen war unter kleinen, urtümlichen Formen der Pliosaurier und bei den verwandten Plesiosauriern eine Spezialisierung auf kleine Beutetiere wie Fische und Kopffüßer weit verbreitet. Mit Luskhan itilensis aus dem Hauterivium von Russland beschreiben Fischer et al. in einer neuen Studie nun den ersten großen Thalassophonier mit Anpassungen an eine solche piscivore Lebensweise.
Mit einem fast vollständigen Skelett ist von Luskhan itilensis erheblich mehr bekannt als bei den meisten großen Pliosauriern. Anhand der Funde lässt sich die Gesamtlänge des Holotypus’ auf etwa 6.5m schätzen, wobei der Kopf mit Unterkiefer davon fast 1.6m ausmacht.

Die neue Art weist eine Mischung von Merkmalen jurassischer Thalassophonea und jener der kreidezeitlichen Untergruppe der Brachacheninae auf, wie man es aus einem Zeitabschnitt der lange eine Lücke im Fossilbericht der Pliosaurier darstellte erwarten könnte. Einer phylogenetischen Analyse der Autoren zufolge handelt es sich bei Luskhan um einen primitiven Vertreter der Brachaucheninae. Morphologisch ähnelt er jedoch stärker den ursprünglichsten Pliosauriern aus dem Unteren Jura, dem kleinen, basalen Thalassophonea Peloneustes, sowie den Polycotyliden, einem Taxon von Plesiosauroidea aus der Oberen Kreide die sekundär an eine schnell schwimmende, piscivore Lebensweise angepasst waren.
Die wesentlichen Gemeinsamkeiten mit diesen Gruppen sind die verhältnismäßig schlanke, langgezogene Schnauze (Rostrum), die kleinen, gleichförmigen Zähne, die kurzen Zahnreihen und die verhältnismäßig sehr lange Unterkiefersymphyse (die Verbindungszone von rechter und linker Unterkieferhälfte). Diese Merkmale reduzieren die Mechanische Belastbarkeit der Kiefer und die Fähigkeit, große Beute zu reißen zugunsten der Fähigkeit, schnell nach kleinen Tieren schnappen und diese festhalten zu können.
Dies ist besonders bemerkenswert, da alle näheren Verwandten von Luskhan an eine zumindest gelegentliche Aufnahme großer Beutetiere angepasst sind, sowohl die basaleren Formen innerhalb der Thalassophonea (beispielsweise Liopleurodon und Pliosaurus aus dem Mittel- und OberJura) als auch die abgeleiteten Brachaucheninae (z. B. Kronosaurus aus der frühen Oberkreide).
Die Morphologie von L. itilensis weist dagegen beachtliche Konvergenzen zu den Polycotylidae auf, welche ihrerseits komplett unabhängig aus der Gruppe der ansonsten langhalsigen Plesiosauroidea hervorgingen aber ähnliche Proportionen und ökomorphologische Anpassungen wie manche Pliosaurier aufweisen. Plesiosaurier scheinen folglich wiederholt eine Anpassung von Generalisten und Macroprädatoren hin zu spezialisierten Piscivoren und Teuthophagen und umgekehrt durchlaufen zu haben.
Artikel:
Fischer, V., Benson, R. B. J., Zverkov, N. G., Soul, L. C., Arkhangelsky, M. S., Lambert, O., Stenshin, I. M., Uspensky, G. N. and Druckenmiller, P. S. In press. Plasticity and Convergence in the Evolution of Short-Necked Plesiosaurs. Current Biology. http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982217304979
Andere Quellen:
Foffa, D., Cuff, A. R., Sassoon, J., Rayfield, E. J., Mavrogordato, M. N. and Benton, M. J. 2014. Functional anatomy and feeding biomechanics of a giant Upper Jurassic pliosaur (Reptilia: Sauropterygia) from Weymouth Bay, Dorset, UK. Journal of Anatomy 225 (2): 209–219.
McHenry, C. R. 2009. ‘Devourer of Gods’: The Palaeoecology of the Cretaceous Pliosaur Kronosaurus Queenslandicus. University of Newcastle.
Taylor, M. A. and Cruickshank, A. R. I. 1993. Cranial anatomy and functional morphology of Pliosaurus brachyspondylus (Reptilia: Plesiosauria) from the Upper Jurassic of Westbury, Wiltshire. Philosophical Transactions of the Royal Society of London B: Biological Sciences 341 (1298): 399–418.
Walmsley, C. W., Smits, P. D., Quayle, M. R., McCurry, M. R., Richards, H. S., Oldfield, C. C., Wroe, S., Clausen, P. D. and McHenry, C. R. 2013. Why the Long Face? The Mechanics of Mandibular Symphysis Proportions in Crocodiles. PLoS ONE 8 (1).
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Pia Gaupels



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