Als Flüsse durch eine grüne Sahara flossen

Share Button

Große Teile der heutigen Sahara-Wüste waren vor Tausenden von Jahren grün. Davon zeugen zum Beispiel prähistorische Steinzeichnungen von Giraffen, Krokodilen und sogar schwimmenden Menschen. Diese Illustrationen zeichnen jedoch nur ein grobes Bild der damaligen Lebensbedingungen. Die Analyse von Sedimentkernen aus dem Mittelmeer vor der Küste Libyens kombiniert mit Erdsystemmodellen erzählt die Geschichte der großen Umweltveränderungen in Nordafrika der letzten 160.000 Jahre. Cécile Blanchet vom Deutschen GeoForschungsZentrum GFZ und ihre Kollegen aus Deutschland, Südkorea, den Niederlanden und den USA berichten darüber heute in der Zeitschrift Nature Geoscience.

Gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum für Meeresforschung GEOMAR in Kiel organisierte und beteiligte sich ein Forscherteam im Dezember 2011 an einer Expedition des niederländischen Forschungsschiffes Pelagia in den Golf von Sirte. „Wir vermuteten, dass, als die Sahara noch grün war, in derzeit trockenen Flussbetten Wasser strömte, das Partikel in den Golf von Sirte verfrachtete“, sagt Hauptautorin Cécile Blanchet. Solche Sedimente würden zu einem besseren Verständnis davon beitragen, wann und unter welchen Umständen diese Flüsse möglicherweise reaktiviert werden, und gleichzeitig einen klimatischen Kontext für die frühe Menschheitsgeschichte schaffen. 

Mithilfe eines sogenannten Schwerelots konnten die Forschenden zehn Meter lange Sedimentkerne aus dem Meeresschlamm bergen. „Man kann sich das vorstellen wie eine riesige Hohlnadel, die in den Meeresboden gestanzt wird“, sagt Mitautorin Anne Osborne vom GEOMAR, die an Bord des Forschungsschiffes war. Die Schichten enthalten Sedimentpartikel und Pflanzenreste, die vom nahegelegenen Kontinent hereingeschwemmt wurden, sowie Schalen von Mikroorganismen, die im Meer lebten und abstarben. Die Partikel erzählen die Geschichte der klimatischen Veränderungen in der Vergangenheit. „Durch die Kombination der Sedimentanalysen mit den Ergebnissen unseres hochmodernen Erdsystemmodells können wir nun die Klimaprozesse genau verstehen und so die drastischen Veränderungen der nordafrikanischen Umwelt in den letzten 160.000 Jahren erklären“, fügt Koautor Tobias Friedrich von der Universität Hawai’i hinzu. 

Übersicht über das Untersuchungsgebiet in Nordafrika und vor der Küste Libyens. Zu sehen sind auch die alten Flussläufe und der Ort, wo der Sedimentkern genommen wurde. (Grafik: Axel Timmermann)

Aus früheren Arbeiten war bereits bekannt, dass mehrere Flüsse episodisch durch die Region flossen, die heute eines der trockensten Gebiete der Erde ist. Die erstmalige Rekonstruktion von Blanchet und ihren Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, Südkorea, den Niederlanden und den USA deckt die letzten 160.000 Jahre kontinuierlich ab und bietet ein umfassendes Bild davon, wann und warum es in der Zentralsahara genügend Niederschläge gab, um diese Flüsse wieder zu reaktivieren. „Wir fanden heraus, dass es die minimalen Schwankungen der Erdbahn und das Zu- und Abnehmen der polaren Eisschilde sind, die den Wechsel von feuchten Phasen mit hohen Niederschlägen einerseits, und langen Perioden fast vollständiger Trockenheit andererseits herbeiführen“, erklärt Blanchet. 

Die fruchtbaren Perioden dauerten im Allgemeinen fünftausend Jahre. In jenen Zeiten breitete sich die Feuchtigkeit über Nordafrika bis zur Mittelmeerküste aus. Für die Menschen der damaligen Zeit führte dies zu drastischen Veränderungen der Lebensbedingungen, was wahrscheinlich große Wanderungsbewegungen in Nordafrika zur Folge hatte. „Mit unserer Arbeit haben wir dem Bild der vergangenen Landschaftsveränderungen der Sahara einige wesentliche Puzzleteile hinzugefügt, die zu einem besseren Verständnis der menschlichen Evolution und der Migrationsgeschichte beitragen“, so Blanchet. „Die Kombination von Sediment-Daten mit Modellergebnissen war entscheidend, um zu verstehen, was in der Vergangenheit den Wechsel zwischen feuchten und trockenen Phasen in Nordafrika kontrollierte. Das ist besonders wichtig, weil diese Region als Folge des Klimawandels vermutlich intensive Dürreperioden erleben wird.“


Veröffentlichung: Blanchet, CL., Osborne, A.H., Tjallingii, R., Ehrmann, W., Friedrich, T., Timmermann, A., Brückmann, W., Frank, M. “Drivers of river reactivation in North Africa during the last glacial cycle”, 2021. Nature Geoscience. DOI: 10.1038/s41561-020-00671-3

Quelle: off. Pm des GFZ Potsdam

Titelbildunterschrift: Steinzeichnungen von Giraffen aus Gobero (Niger), ca. 8.000 Jahre alt. (Foto: Mike Hettwer, 2006, www.hettwer.com)


The following two tabs change content below.

Pia Gaupels

Gründerin bei GeoHorizon
Pia Gaupels, *86, Bibliotheksinformationsstudium an der TH Köln von 2007-2010. Studiert seit 2014 an der Universität Münster Geowissenschaften. Der Schwerpunkt liegt auf Planetare Geologie und Geoinformationswissenschaften. 2015 gründete Sie die Seite Geohorizon. Sie ausgeprägte Fähigkeiten in der Bild- und Videobearbeitung und arbeitet seit 2018 wieder als Bibliothekarin.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.