Gastartikel: Ein Riffareal aus dem Silur als Rohmateriallagerstätte

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Die schwedische Insel Gotland  geht auf ein ehemaliges Riffareal aus dem Silur zurück und ist für dessen hervorragende Erhaltung bekannt. Die Gesteine dieses Riffs wurden in vorgeschichtlicher Zeit darüber hinaus als Rohmateriallagerstätte für beeindruckende Bildsteine genutzt, wobei bevorzugt dickbankige Kalksteine aus dem Umfeld der Riffkörper verwendet wurden. Wo sich die Rohmaterialquellen für die Bildsteine befanden, ist allerdings noch nicht geklärt. Dem möchte Patrick Hänsel im Rahmen seines Promotionsprojektes am GeoZentrum Nordbayern auf den Grund gehen.

Patrick Hänsel M.A. studierte Archäologische Wissenschaften mit Schwerpunkten in den Geowissenschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Forschungsinteressen liegen an den Schnitt- und Berührungspunkten von Geologie und Archäologie. Derzeit promoviert er am Paläontologischen Institut der Universität Erlangen-Nürnberg über die Struktur, den Fossiliengehalt und den chemischen Fingerabdruck der Bildsteine auf Gotland, um die Herkunft des Rohmaterials zu ermitteln.

Mein Name ist Patrick Hänsel, ich bin wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am GeoZentrum Nordbayern (GZN) der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) und arbeite seit neun Monaten an meinem Promotionsprojekt mit dem Titel „Mikrofazies und Isotopie der Bildsteine auf Gotland – ein neuer Ansatz zur Ermittlung der Herkunft des Rohmaterials“, welches sich an der Schnittstelle von Geologie, Paläontologie und Archäologie befindet. Das Projekt wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert und wird mit dem Verfassen meiner Doktorarbeit abgeschlossen.

Gotland, eine in der Ostsee liegende Insel Schwedens, ist bekannt für sein sehr mildes Klima und das umfangreiche kulturelle Erbe dort. Geologisch gesehen ist Gotland etwas ganz Besonderes: Die Insel bildet das global am besten erhaltene Riffareal aus dem Silur (vor ca. 443 bis 419 Millionen Jahren), und ist deshalb von großem geowissenschaftlichen Interesse. Wegen des außerdem beachtlichen Reichtums an sehr gut erhaltenen Fossilien stellt Gotland  eines der  wichtigsten Archive für Lebewesen aus dieser Zeit dar. Das gotländische Riffareal liegt noch in seinem ursprünglichen Zustand vor und befindet sich bedingt durch die skandinavische Landhebung zurzeit in leichter Kippstellung von Nordwesten nach Südosten.

Abb. 1: Der Küstenaufschluss von Haganäs auf der Insel Fårö nördlich der Hauptinsel von Gotland, Slite-Formation, mittleres Silur (Wenlock). Solche naturgegebenen Aufschlüsse konnten als Rohmaterialquelle genutzt werden, da die dickbankigen Kalksteine für den Abbau hier frei zugänglich sind. Bild Patrick Hänsel.

Gotland war in vorgeschichtlicher Zeit ein bedeutender Siedlungsraum und Handelszentrum. Über die Identität der prähistorischen Inselbewohner wissen wir nur sehr wenig, aber die archäologischen Hinterlassenschaften deuten auf eine eigenständige Kultur hin, welche sich deutlich von den anderen Kulturen im Ostseeraum unterscheidet. Diese äußert sich vor allem in den monumentalen Bildsteinen, welche mit umfangreichen Bildern dekoriert und zum Teil auch mit Runeninschriften versehen sind. Wegen einiger Gemeinsamkeiten zur Wikingerkultur können die alten Gotländer auch als „Gotlandwikinger“ bezeichnet werden.

Abb. 2: Eine Pinge nahe Bofride im Westen von Gotland, Klinteberg-Formation, mittleres Silur (Wenlock). Im Landesinneren wurden die dickbankigen Kalksteine wohl oberflächennah abgebaut, sodass die Entnahmestellen in etwa wie im Bild ausgesehen haben könnten. Bild Patrick Hänsel.

Die Kalksteine auf Gotland waren schon in früheren Jahrhunderten begehrte Rohstoffe. Davon zeugen zum einen die großen Landkirchen aus dem Mittelalter und zum anderen die erwähnten Bildsteine aus vorgeschichtlicher Zeit. Woher das Rohmaterial für die Bildsteine stammt, ist bis heute unbekannt und nicht geklärt. Die Bildsteine selbst bestehen aus dickbankigen Kalksteinen. Darüber forsche ich in meinem Promotionsprojekt. Ziel ist es, eine Verbindung zwischen den Aufschlüssen auf Gotland und den gotländischen Bildsteinen herzustellen mit Hilfe der im Gestein enthaltenen Fossilien und Sedimentstrukturen sowie des geochemischen Fingerabdrucks (verschiedene Isotopenanalysen). Dazu werden Handstücke an den Aufschlüssen gesammelt, geschliffen und Isotopenproben entnommen. Anschließend werden die Anschliffe im Auflicht unter dem Mikroskop optisch ausgewertet sowie die Verhältnisse von Kohlenstoff-, Sauerstoff- und Strontiumisotopenwerte gemessen. Bei den Bildsteinen ist es schwieriger, da sie archäologische Funde sind und die archäologische Information direkt auf der Oberfläche haftet. Deshalb können für die optische Betrachtung nur Stellen fotografiert werden, an denen die geologischen Informationen über das Rohmaterial zu Tage treten. An nicht sichtbaren Stellen dürfen Isotopenproben entnommen werden (etwa zwei bis drei Milligramm von einem etwa drei Tonnen schweren Stein). Je mehr Übereinstimmungen es in der Struktur des Kalksteines gibt und je näher die Isotopenwerte von Aufschluss und Bildstein liegen, umso wahrscheinlicher ist es, dass das Rohmaterial des Bildsteines direkt aus dem Aufschluss oder aus dessen unmittelbarer Nähe stammt. Wenn der Fundplatz des Bildsteines und die Position der ausgemachten Rohmaterialquelle bekannt sind, können Transportwege ermittelt werden. Auch kann die Frage geklärt werden, ob das Rohmaterial direkt vor Ort gewonnen oder von einer bestimmten Stelle auf Gotland abgebaut und hergebracht wurde. Die erzielten Ergebnisse können auch zeigen, in welchem Maßstab das Riffareal aus dem Silur von den vorgeschichtlichen Menschen genutzt wurde und welche Bedeutung und Auswirkung die geologische Situation auf Gotland für die alten Gotländer und deren Kultur hatte.

Abb. 3: Der Bildstein Klinte Hunninge I, ca. 700 bis 800 n. Chr., im Gotlands Museum in Visby, Gotland. Bildsteine wie dieser wurden aus dickbankigen Kalksteinen angefertigt, deren genauen Quellen noch unbekannt sind und im Rahmen meiner Doktorarbeit ermittelt werden sollen. Die schwarze Bemalung hat Sune Lindqvist für die fotographische Dokumentation in den 30er-Jahren aufgebracht. Bild Patrick Hänsel.

Gotland ist auf jeden Fall ein Muss für alle, die sich mit dem Silur und/oder mit der Karbonatfazies, also der Struktur von Kalksteinen, beschäftigen. Die Insel hat sehr viel – auch von wissenschaftlicher Seite – zu bieten. Somit sind dort die Voraussetzungen für fächerübergreifende Forschungen gegeben. Mein Promotionsprojekt ist ein Beispiel hierzu.

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