Graecopithecus und der Ursprung der Menschheit

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Aktuell macht eine neue Arbeit die Runde, in welcher die Fossilien des eventuell ältesten bekannten Hominini beschrieben werden. Brisant dabei: die Fossilien stammen nicht aus Afrika, sondern aus Südosteuropa. Bedeutet das jetzt, dass der Mensch seinen Ursprung eigentlich in Europa hat? So einfach ist das dann doch nicht.

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Die gängige Theorie zur Wiege der Menschheit besagt, dass diese sich irgendwo in Afrika befunden hat. So werden Fossilien von frühen Hominini ( Menschen und sämtliche „Vormenschen“) besonders auf diesem Kontinent geborgen. Von dort hat sich dann die Gattung Mensch mindestens zweimal migratorisch auf die anderen Kontinente ausgebreitet. Soweit der wissenschaftliche Konsens. Seit Montag macht aber eine neue Arbeit die Runde, in welcher der Ursprung der Menschheit angeblich nach Europa verlegt wird. Zumindest erwecken einige Schlagzeilen den Anschein. Aber schauen wir uns doch lieber direkt die Originalarbeit an:

Graecopithecus – ein Vormensch in der europäischen Savanne?

Die Arbeit, um die es geht, stammt von Jochen Fuss und Kollegen und wurde vergangenen Montag im Onlinejournal Plos One veröffentlicht. Darin beschreiben sie die bislang kaum bekannte Primatengattung Graecopithecus aus dem späten Miozän von Griechenland und eventuell auch Bulgarien. Die Fossilien von Graecopithecus sind bereits seit 1944 bekannt und werden allgemein einem Menschenaffen (Hominidae) zugeschrieben. Allerdings war es bislang zweifelhaft, ob es sich bei Graecopithecus tatsächlich um eine eigene Gattung gehandelt hat. Manche Forscher stellten ihn auch zur ebenfalls in Griechenland gefundenen Gattung Ouranopithecus oder zweifelten allgemein eine sichere Zuordnung zu irgendeiner Gattung an. Was Fuss et al.  jetzt gemacht haben ist, dass sie die Fossilien von Graecopithecus neu beschrieben haben und zeigen, dass I) Graecopithecus eine eigene Gattung darstellt und II) es sich dabei um den eventuell ältesten „Vormenschen“ handelt.

Unterkiefer von Graecopithecus freybergi aus Griechenland sowie ebenfalls Graecopithecus zugeordnete Zähne aus Bulgarien (Fuss et al. 2017).

Und hier ist der Knackpunkt. Es geht nicht um den Ursprung der Gattung Mensch (Homo), sondern um die frühe Evolution unserer Unterfamilie Homininae. Im Genauen behandeln Fuss et al. die Frage, wann und wo sich unsere Vorfahren (Hominini) von ihren nächsten Verwandten, den Schimpansen (Panini) abgespalten haben. Und das ist tatsächlich ein interessantes Feld über das wir noch sehr wenig wissen. Molekulargenetische Untersuchungen belegen, dass die Aufspaltung wohl irgendwann vor 5 bis 10 Mio. Jahren erfolgte. Auch andere Ergebnisse sowie Fossilien wie die der Gattungen Sahelanthropus und Ardipithecus unterstützen diese These. Graecopithecus wäre mit einem Alter von ca. 7,2 Mio. Jahren nun ein wichtiges Puzzlestück zu den Anfängen unseres Tribus. Aber wie kamen Fuss et al. zu der Erkenntnis, dass es sich bei Graecopithecus um einen „Vormenschen“ handeln könnte?

Schädelreplik von Sahelanthropus tchadensis, mit ca. 7 Mio. Jahren einer der ältesten bekannten „Vormenschen“. Von Didier Descouens unter CC-BY-SA 4.0

Ein großes Problem bei der Klassifizierung von fossilen Hominiden ist das Auftreten von Homoplasie, also dass sich bestimmte Merkmale bei verschiedenen Arten unabhängig voneinander entwickelt haben. Zu den weniger von Homoplasie beeinflussten Merkmalen zählt nach Fuss et al. die Morphologie der Zahnwurzeln. Dabei haben sie besonders den p4, also den vierten Prämolar („vorderer Backenzahn“) im Visier. Nach den Autoren unterscheiden sich dieser bei Greacopithecus deutlich von dem der Orang-Utans (Pongini), sodass Graecopithecus entweder einem der verbliebenen Menschenaffen-Tribi (Gorillas, Schimpansen, oder Menschen) angehört oder mit diesen von einem gemeinsamen Vorfahren abstammt.

Graecopithecus weist in seiner Zahnwurzelmorphologie hier einerseits große Ähnlichkeiten mit den heutigen Gorillas und Schimpansen auf, andererseits sind die Zahnwurzeln teilweise verschmolzen. Ein Merkmal, das nur äußerst selten bei eben genannten, dafür häufiger von den Hominini überliefert ist. Am ähnlichsten wäre Graecopithecus hier verschiedenen „Vormenschen“ aus der Klade der Australopithecinen (zu den z.B. die berühmte „Lucy“ gehört). Gleichzeitig spreche nach Fuss et al. auch die Länge der Eckzähne eher für eine Zuordnung zu den Hominini, da diese im Vergleich zu anderen Menschenaffen deutlich reduziert seien. Die einfachste Erklärung wäre nach Fuss et al. demnach, dass es sich bei Graecopithecus aller Wahrscheinlichkeit nach um einen „Vormenschen“ aus unserem Tribus Hominini handelt, allerdings seien weitere Fossilien zur Bekräftigung dieser These nötig.

Woher kommt der Mensch?

Widmen wir uns nochmal der Aussage, dass durch die Neubetrachtung von Graecopithecus der Ursprung der Menschheit eventuell nicht mehr in Afrika, sondern stattdessen in Europa zu vermuten wäre. Hier kommt es jetzt natürlich darauf an, was man unter „Mensch“ versteht. Wir haben weiter oben bereits festgestellt, dass es bei der Neubearbeitung von Graecopithecus nicht um den Ursprung des modernen Menschen Homo sapiens geht. Fuss et al. selbst schreiben:

More fossils are needed but at this point it seems likely that the Eastern Mediterranean needs to be considered as just as likely a place of hominine diversification and hominin origins as tropical Africa.

Es werden zwar mehr Fossilien benötigt, doch erscheint es zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich, dass die östliche Mittelmeeregion genauso wie das tropische Afrika für den Ursprung und die Diversifikation der Hominini in Betracht gezogen werden muss.

Dem ist an sich nicht zu widersprechen, denn Graecopithecus könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Ursprung der Hominini auch außerhalb Afrikas gelegen haben könnte. Das wäre durchaus interessant, doch sollten wir nicht darüber hinwegsehen, dass ein Großteil ihrer Evolution sehr wahrscheinlich dennoch in Afrika stattgefunden hat. So geht der afrikanische Fossilbericht der Hominini mit z.B. Sahelanthropus und Ardipithecus ebenfalls bis in das späte Miozän zurück, auch alle gesicherten Fossilien der Australopithecinen stammen von diesem Kontinent. Zu guter Letzt sind aus Afrika nicht nur die ältesten Menschenarten (H. habilis, H. rudolfensis und H. „ergaster“), sondern auch die ältesten Fossilien von H. sapiens überliefert.

Der Herto-Schädel (Homo sapiens idaltu) im Nationalmuseum von Adis Abeba. Mit ca. 160.000 Jahren eines der ältesten Fossilien des modernen Menschen.

Zusammenfassend haben wir mit Graecopithecus also ein interessantes Fossil, das eventuell noch eine wichtige Rolle in der Paläoanthropologie spielen wird und bereits jetzt spannende Fragen zur frühen Evolution der Hominini aufwirft. Gleichzeitig wissen wir aber über Graecopithecus noch zu wenig, um eine direkte Verbindung zwischen ihm und den späteren Menschen herzustellen. Auch dürfte es schwer fallen, einen möglichen europäischen „Vormenschen“ als Argument gegen das „Out of Africa“-Szenario zu verwenden, das nicht nur Millionen Jahre später stattgefunden hat, sondern auch fossil bestens belegt ist.

Übrigens haben Böhme et al. ebenfalls in Plos One parallel eine Arbeit zur Paläoumwelt von Graecopithecus veröffentlicht.

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Pascal Abel, 23, studiert Geowissenschaften im Master am GeoZentrum Nordbayern mit den Vertiefungen Paläobiologie und Sedimentologie. Interessenschwerpunkte sind Wirbeltiere, Paläoökologie und Paläoumwelt. Bloggt auch nebenbei noch auf www.erdgeschichten.wordpress.com